Ungeduld und Interessenmängel

Vor- und Nachteile des alltäglichen digitalen Austausches. Die harten Fakten vorne weg: 83 Prozent der 14- bis 17-Jährigen und 67 Prozent der 18- bis 29-Jährigen tauschen sich täglich online aus, zwei Drittel der Jugendlichen chatten regelmäßig, etwa die Hälfte der unter 25-Jährigen nutzt Soziale Netzwerke wie Facebook oder StudiVZ. Diese Zahlen entstammen der diesjährigen Ausgabe der Studienreihe “Gesprächskultur in Deutschland“, die das Institut für Demoskopie Allensbach im Aufrag von “Bild der Frau” und “Jacobs Krönung” erstellt hat. Holger Kreitling zitiert diese Angaben in der heutigen Welt.

Welt, 25.03.10, Titel: Schau mir in die Augen, Kleines? Nicht im Netz!

Neben der Print- und Online-Veröffentlichung mit dieser einigermaßen umständlichen Überschrift ist derselbe Artikel auch erschienen unter der Schlagzeile: “Die Jugend lebt in Digitalien“, nicht minder gewollt. Dabei ist das Ergebnis – auf der Studien-Homepage als “Gesprächskultur 2.0″ tituliert – gar nicht so sehr überraschend. Holger Kreitlings Vergleich mit seiner Oma Elise, die bereits in den 1930er Jahren telefonierte, allerdings nur kurz und knapp um sich zu verabreden, greift durchaus: “Die Taktfrequenz erhöht sich”.

In diesem Zusammenhang wurden auch Umstände von Gesprächen abgefragt, wobei sich erneut die typischen Unterschiede zwischen Jung und Alt zeigten: Während ältere Menschen dabei großen Wert auf Augenkontakt legen, spielt der nur noch für weniger als die Hälfte der jungen Leute  eine wichtige Rolle. (Daher die Überschrift.) Etwas problematisch ist für mich aber der Begriff der “Geborgenheit”, den die Kommunikationswelt im Internet für Jugendliche ausstrahlen soll, “eine Höhle, die gleichzeitig weit und offen und hell ist” und das Gefühl vermittle, nicht allein zu sein. (Hier kommt der Begriff “Digitalien” auch im Fließtext ins Spiel.)

Einen ernsten Anlass zur Besorgnis sehe ich darin ebensowenig wie Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach. Soziale Netzwerke würden vorwiegend genutzt, um bereits bestehende Kontakte zu pflegen. Reale Kontakt seien auch für Jugendliche zum Aufbau einer echten Freundschaft unerlässlich. Sehe ich auch so. Beim Chat unter Fremden dient das Netz aus eigener Erfahrung eher hervorragend dazu, sich falsche Vorstellungen zu machen. Doch sind persönliche Gespräche durch die heutigen (und vermutlich auch die künftigen) Formen der Web 2.0-Kommunikation nicht zu ersetzen, auch nicht für die “Jugend von heute”. Diesen Aspekt stellen andere Blätter in ihren Besprechungen in den Vordergrund, so Christian Unger im Hamburger Abendblatt, oder der ddp-Bericht in der Aachener Zeitung.

Die wirklich beunruhigenden Aspekte der Studie nennt Holger Kreitling ganz zum Schluss, obwohl die für mich in die Schlagzeile gehört hätten: Die Verhaltensformen verschlechtern sich insoweit, als die Ungeduld in der Kommunikation zunimmt und als die Interessensgebiete der jungen Leute sich en gros verschmälern. “Die Bereitschaft zu gesellschaftlichen Debatten wird wohl rapide schwinden”, schlussfolgert der Welt-Autor, da viele Jugendliche sich nur noch um sich selber drehen. Zudem gehe die Fähigkeit zu schweigen im allgemeinen Grundrauschen verloren. O.k., bin ja schon still.

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