Aufgebauschte Anleihedebatte

“Adelaide versus Heidi” lautet ein etwas überbewerteter Streit, der sich zwischen dem in Zürich lebenden Germanisten Peter Büttner und der Schweizer Heidi-Forschung entsponnen hat. Hintergrund war die Entdeckung Büttners, dass der Mülheimer Dichter Hermann Adam von Kamp bereits 1830 eine Geschichte mit dem Titel “Adelaide vom Alpengebirge” veröffentlichte. Damals war Johanna Spyri, die geistige Mutter der ”Heidi”, gerade einmal drei Jahre alt. Ihr Klassiker erschien 1879. Auf die ganze Geschichte hat mich der Artikel auf S.1 der heutigen Welt aufmerksam gemacht.

Welt, 27.04.10, Titel: Kommt Heidi aus Westfalen?

Brisanz enthält die Fragestellung alleine deshalb, weil es sich bei “Heidi” um eine “Mythische Figur” handelt, wie Sieglinde Geisel bereits vor knapp zwei Wochen in der Neuen Zürcher Zeitung betont. Sie führt - wie der Kutlruzeit-Beitrag – Regine Schindler an, Spyri-Biografin und freie Mitarbeiterin des Johanna-Spyri-Archivs im Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien, wonach sie es nach Lektüre des Vergleichstextes für ausgeschlossen halte, dass Johanna Spyri Kamps Erzählung als Vorlage für «Heidi» gedient habe. Rund ein Dutzend Parallelstellen hat der deutsche Germanist aufgeführt, die allerdings bereits den Begriff der Intertextualität als zu hoch gegriffen erscheinen ließen. 

Der Nachlass des Autors Hermann Adam von Kamp befindet sich im Stadtarchiv von Mülheim an der Ruhr. Auf der Homepage des Instituts wird etwas großspurig davon gesprochen, dass sich in dem 30-seitigen Text ”bereits alle Versatzstücke des erst 50 Jahre später von Johanna Spyri verfassten Romans” finden ließen. Davon ausgehend hatte die Schweizer Kultursendung “Kulturplatz” das Thema aufgegriffen – was zu heftigen Reaktionen nicht nur in der schweizerischen Presse führte. Auf der Homepage der TV-Sendung übrigens auch eine Replik auf den NZZ-Artikel, worin es heißt: “Die vermeintlichen Gegenargumente, die Frau Geisel ins Feld führt und die ihrer Meinung nach auch von «Kulturplatz» hätten berücksichtigt werden müssen, zielen so weit an der Sache vorbei, dass man auf diese getrost verzichten kann.” 

Schade, dass sich der Doktorand im Beitrag eher provokant äußert (im letzten Zitat scheint ihm das Wort “Schablone” zu fehlen). Das letzte Wort aber ist in der Angelegenheit vermutlich noch nicht gesprochen. Allerdings ist es doch sehr interessant zu verfolgen, wie sich durch hochfahrende Emotionen einige Beteiligte zu vorschnellen Urteilen verleiten lassen. Keiner behauptet, Johanna Spyri habe abgeschrieben. Keiner möchte “Heidi” den Schweizern wegnehmen. Die Erzählung von Kamps ist in der Heidi-Forschung noch nie aufgetaucht. Möglicherweise war sie aber der Autorin Spyri aus der Kindheit bekannt, dieser Umstand ließe als sehr interessante Neuigkeit durchaus den Schluss einer Intertextualität zu. Doch zuletzt: Eine “neue Verunsicherung, was wohl geistiges Eigentum ist”, die der Welt-Autor Wieland Freund vermutlich unter dem Eindruck des NZZ-Artikels konstatiert, kann ich hier nirgends erkennen.

Hier ein Eindruck davon, worum es in der Debatte geht:

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