Durch die Tür – und vergessen!

Das haben schon viele erlebt: Gerade bin ich aus dem Zimmer gegangen, um etwas zu erledigen – und – schwupps! – ist der Gedanke fort. Was wollte ich noch mal? “Wenn’s anfängt, fängt’s im Kopf an!”, pflegt meine Mutter da zu sagen. Aber interessant ist das Phänomen auf jeden Fall. Während Jim Morrison und Konsorten mittels bewusstseinserweiternder Substanzen ihre “Türen der Wahrnehmung” öffnen wollten und ihre Band infolge “The Doors” nannten, schließt sich hier die Tür der Erinnerung, kaum dass wir eine Schwelle überschreiten.

Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 20.11.11: Tückische Tür

Im Quarterly Journal of Experimental Psychology berichtet Gabriel Radvansky von der US University of Notre Dame von einem Versuch, bei dem Probanden damit beauftragt wurden, einen Gegenstand zu holen. Bei gleicher zurückzulegender Distanz vergaßen deutlich mehr Teilnehmer, was sie wollten, wenn sie dabei eine Türschwelle passieren mussten. Der Gang durch einen Türrahmen, so die Schlussfolgerung des Forschers, befördert eine gewisse Art der Vergesslichkeit, die allerdings nicht weiter bedenklich ist.

Nun ist eine Tür ja ein sehr bedeutungsgeladenes Symbol. Die Tür steht dafür etwas hinter sich zu lassen, einen neuen Raum zu betreten, ins Freie oder ins Geschützte zu gehen. Sie steht für einen Neuanfang und für neue Erfahrungen oder Sinneswahrnehmungen. Die Tür ist die “andere Seite”, das “Draußen” oder das Unbekannte – wenn ich nur an “Alice im Wunderland” denke. Wir treten ein in eine neue Welt, in ein unbekanntes Land, eine terra incognita oder in ein Paralleluniversum, in das wir durch eine quasi magische Tür portiert werden.

Wer an Wiedergeburten glaubt, stellt sich vielleicht vor durch eine Tür in ein anderes Leben zu gelangen. Die Erinnerung an das alte ist da schnell verloschen. Aber so weit wollten wir ja gar nicht gehen. Immerhin ist klar, dass das Leben erst ein abgeschlossenes ist, wenn wir durch diese Tür gegangen sind und “auf der anderen Seite” angekommen sind, die wir per definition bis dahin nicht kennen konnten. Möglicherweise verhält sich ja alles auch ganz anders ;-) Bis wir es wissen können, werden wir vermutlich nichts mehr wissen. Immerhin können wir uns auf neue Erfahrungen und neue Lebensabschnitte vorbereiten, indem wir mantraartig wiederholen: “Tritt durch die Tür! – Überschreite die Schwelle! – Übersteige den Stein!”

Zur Auflösung der wilden Assoziation ein Musikstück der Doors aus dem Ende der 1960er Jahre “Light my fire”.

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Eine Antwort zu “Durch die Tür – und vergessen!”

  1. [...] vor vier Monaten so ähnlich in der Frankfurter Allgemeinen Sonnatgszeitung stand (ich berichtete hier). Während sich der frühere Bericht auf das Quarterly Journal of Experimental Psychology bezog, [...]

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