Keine virtuelle Panik, bitte!

Der “Hans Dampf in allen Bewusstseins-Gassen”, David Gelernter (nomen est omen), ist mir in den vergangenen Tagen anlässlich eines Berlin-Aufenthaltes gleich zwei Mal untergekommen. Erst brachte die Welt ein Interview von Andreas Rosenfelder mit dem Gelehrten, dann veröffentlichte die FAZ einen Kurzbeitrag unter dem nachfolgenden Titel:

FAZ, 24.06.10, Titel: Das Internet denkt nicht

Michael Hanfeld berichtet, der 1955 geborene Wissenschaftler und Künstler habe bereits Anfang der 1990er Jahre voraus gesagt, dass sich das Internet zu einer virtuellen Welt als Spiegel der analogen entwickle. Im Welt-Interview sagt er – angesprochen auf das von ihm eingeführte Bild der “Wolke” für das Internet: “Metaphern sind nicht bloß Ornamente, sie sind der Motor des Denkens.” Wie in früheren Entwicklungsstufen der Technologie (Fotografie, Film oder Radio) müssten die Künstler die Kontrolle über dieses Kulturphänomen übernehmen, das seit Erfindung des TCP-Prokolls bereits 30 Jahre alt ist, behauptet er weiter.

Wie in Hollywood, erklärt er, sollten Techniker im Hintergrund bleiben: “Die Show müsen andere schmeißen.” Allerdings habe sich im Vergleich zur Erfindung des Radios um 1900 dei Mentalität der Künstler heute entscheidend geändert (“Früher haben die Künstler neue Medien umarmt.”): “Die Leute ließen sich nicht von den Technikern vorschreiben, was sie mit der Technik anfangen sollten.” In diesem Zusammenhang, dass Philosophen das Internet als ihr Geschäft betrachten sollten (“Es existiert kein Institut für humanistische Internetstudien.”), lässt er den titelgebenden Satz fallen.

Die Welt, 23.06.10, Titel: Wir brauchen einen Erasmus des Internets

Im weiterern Verlauf des Welt-Interviews lässt er den entscheidenden Satz fallen: “Computer und Internet können kein Bewusstsein entwickeln”. Vielmehr ist es eher so, dass ein aufgeklärter Umgang mit den Möglichkeiten der Recherche die Assoziationen des Suchenden beflügeln kann. Einen ähnlichen Tenor hat auch der in der Printausgabe der FAZ abgedruckte Artikel. Das Internet denkt nicht! Die Nutzer ließen sich stattdessen viel zu sehr von ihm ablenken und verschwendeten ihre Zeit lieber mit irgend welchen Spielchen, anstatt ihres kreatives Denken zu bemühen. Eine ausführlichere Besprechung von Thomas Thiel für die FAZ findet sich sogar kostenfrei bei faz.net.

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