Überblick ist Illusion, Umsicht ist Pflicht

Die 37. Römerberggespräche drehten sich im Frankfurter Schauspielhaus um die “Krise des Überblicks“. “Illusionen des Überblicks” hieß der Eröffnungsvortrag des Philosophen Martin Seel, in dem er statt dieser für ein philosophisches Denken warb, das wie eine “Kamerafahrt vom Panoramabild mitten ins menschliche Getümmel” verläuft. So zitiert ihn Thorsten Gräbe im Feuilleton der FAZ am vergangenen Montag (online nicht verfügbar).

Screenshot der Aktuell-Seite von www.roemerberggespraeche-ffm.de

Matthias Arning stellte in der Frankfurter Rundschau bereits vor den Gesprächen nicht nur Martin Seel, sondern auch Harald Welzer vor, Sozialpsychologe am Kulturwissenschaftlichen Institut in Essen und Dozent an der Privatuni Witten-Herdecke, der unter anderem die Studie “Opa war kein Nazi” geschrieben hat. Ihm zufolge geht es – ob in Bezug auf den Solidaritätspakt oder auf den Klimawandel – darum, bisher Bewährtes, mittlerweile aber Chancenloses zu ersetzen (sein neues Buch, zusammen mit Klaus Leggewie heißt: “Das Ende der Welt, wie wir sie kannten”). Er war denn gemäß Rudolf Walther auch der einzige, der die “Grenzen des Systems” nicht im Kapitalismus, sondern im Klima verortete.

Harald Welzer hat nach Angabe von Thorsten Gräbe sein Publikum kritisiert: “Sie applaudieren immer zu schnell”, und warf den vorrangig über sechszigjährigen Zuhörern vor, kritischen Äußerungen vor allem deshalb Applaus zu spenden, um eine einfache Schuldzuweisung vorzunehmen. Weitere Redner sprachen das Publikum direkt an, Thorsten Gräbe bezeichnet es als “mit den Römerberggesprächen gealtert, jüngere Gesichter waren kaum zu sehen.” Damit kommt er noch einmal auf Harald Welzer zurück, der von einer “Desynchronisation” zwischen den Generationen sprach. Die konstatierte Generationenungerechtigkeit, während gegenwärtig das Funktionieren unserer Welt simuliert werde, bekamen daher nur wenige jüngere Menschen mit, die an diesem Zustand möglicherweise etwas ändern könnten. Auch die Berichterstattung über die zweifellos hochinteressanten Gespräche blieb vergleichsweise gering.

FAZ, 23.11.2009, Überschrift des Beitrags von Thorsten Gräbe

Rudolf Walther bezeichnet im Feuilleton der Frankfurter Rundschau am vergangenen Montag die diesjährige Themenwahl als besonders gelungen, denn sie hat “ Berufsgruppen zum Thema gemacht, die sich wie keine anderen blamiert haben in der aktuellen Wirtschafts- und Finanzkrise – die Ökonomen, Wirtschaftsexperten, Prognostiker und Analysten”. Auch er greift den Einführungsvortrag von Martin Seel auf, wonach menschliches Handeln immer Alternativen und Risiken birgt und daher durch Umsicht, Bescheidenheit und Selbstreflexion bestimmt sein sollte.

“Das Gelegenheitsfenster, das die Krise geöffnet habe, sei nicht genutzt worden”, zitiert Thorsten Gräbe in der FAZ Harald Welzer. Ebenso wenig wurde die Chance zur Öffentlichkeitsarbeit genutzt, auf die vorrangig ökonomischen Themen, unter anderem zu Stichwörtern wie “Homogenisierung der tonangebenden Eliten”, in Abhängigkeit davon sinkende Realisierungschancen von Prognosen, die momentane “Selbstzerstörung der Wirtschaft”, “kriminell zu nennendes Fehlverhalten der Banken”, “Kontrolldefizite aufgrund von Politikversagen” (Rudolf Walther in der Frankfurter Rundschau).

So die Pointe im Vortrag  von Martin Hellwig, Mitglied im Lenkungsrat, der die staatlichen Mittel zur Rettung privater Banken und Betriebe verteilt, dass es “Banken bei vielen Regulierungsvorschriften gelungen ist, den Behörden ihre eigenen Vorstellungen als die “richtigen” und “praktikablen” einzureden”. Diese und andere Erkenntnisse hätten nach meinem Dafürhalten im Sinne der “Umsicht, Bescheidenheit und Selbstreflexion” auf jeden Fall weitaus mehr öffentliche Resonanz verdient. Dies ist mein bescheidener Beitrag dazu.

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