Wochenend-Presseschau 01-10

“Da bin ich wieder” – “Der Prothesenmensch”. Wie viele andere Zeitungen bringen FAZ und NZZ in ihrem Feuilleton einen Rückblick auf das abgelaufene Jahr, beziehungsweise auf die vergangenen zehn Jahre. Auch wenn Thomas Schmid im Editorial der Welt am Sonntag behauptet, dass die Dekade noch nicht vorbei sei (ich habe nicht verstanden, warum das Jahrzehnt erst am 01.01.2001 begonnen haben soll), können wir auf die “Nullerjahre” zurück blicken.

NZZ, 02.01.10, Titel: Der Prothesenmensch

Roman Bucheli betrachtet im Feuilleton der NZZ die vergangenen zehn Jahre als eine Epoche der digitalen Revolution. Einer möglichen Schreckensbilanz angesichts neuer Terrordimensionen stellt er den “digital turn” gegenüber. Die Veränderung der Lebenswirklichkeit ist allgegenwärtig: Wir machen uns abhängig von immer kleineren und leistungsfähigeren Geräten. Dabei stellte erst das Jahr 2000-Problem eine Bedrohung dar, dann platzte die Dotcom-Blase, doch tatsächlich hat sich in nur zehn Jahren sehr viel getan: “Wir hatten Ende der neunziger Jahre gerade das Wort >>surfen<< in den Grundwortschatz übernommen; heute googeln, twittern, downloaden, skypen oder bloggen wir auf Teufel komm raus.” Die dazu verwendeten Techniken und Geräte betrachtet er offenbar als geistige Prothesen.

Zur Schlussfolgerung ist es dann nicht weit: Mit allen Interaktionen im World wide web mache sich der “Prothesenmensch” als User zum gläsernen Menschen, “als Preis für den fast grenzenlosen Zugang zum Weltwissen”. Als Hoffnung zeigt sich dem Autor dabei der Verdacht, ebenso wie der einzelne Benutzer von der Informationsfülle oft überfordert scheint, könne das Netz selber dabei überfordert sein, die Einblicke in die Nutzerprofile in klingende Münze umzuwandeln. Immerhin, führt er an, waren nicht einmal die amerikanischen Geheimdienste dazu in der Lage, zwei Datenbanken abzugleichen, um einem Verdächtigen aus Nigeria die Einreise in die USA zu verweigern.

Allerdings verteidigt Roman Bucheli Kulturkritiker, auch wenn sie weithin als “Spielverderber” oder “wirkungslose Bremser” gälten: “Doch ihre Einwürfe sind Widerhaken kritischen Denkens”. Gemeinsam mit Umberto Eco (vor einigen Wochen in “le Monde”) betrachtet er es als offene Frage, ob durch das Internet das Verständnis zwischen den Kulturen oder der Identitätsverlust befördert würde. Zuletzt bezeichnet er es dann aber doch als “Treten an Ort”, schweizerisch für “auf der Stelle Treten”.

FAZ, 02.01.10, Titel: Da bin ich wieder

Sehr schön gefällt mir die Idee und Ausführung der FAZ, auf einer Feuilletonseite drei Geschichten von Comebacks nebeneinander zu stellen. Verena Lueken berichtet über die Wiederkehr von Mickey Rourke auf die Kinoleinwände, Rainer Hank über einen namenlosen Investmentbanker, der als “Master of the Universe” tituliert wurde, seinen Ruf ruiniert hat, aber wieder blendende Geschäfte macht, Christian Eichler schließlich über Jupp Heinkes, nach zwei Jahren ohne Trainerjob erst zum Feuerwehrmann beim FC Bayern München und daraufhin zum Erfolgsbringer für Bayer 04 Leverkusen geworden. Das Thema des Zurückkommens wird in drei voneinander unabhängigen Beispielen durchgespielt und zeigt damit die Vielschichtigkeit eines solchen Phänomens auf, ohne Anspruch auf Vollständigkeit, doch mit viel Stoff zum Nachdenken. Sehr sympathisch!

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