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Der vor 250 Jahren Geborene bleibt uns fern…

Dienstag, 10. November 2009

…muss er aber nicht. Das Jubiläum des 250. Geburtstages des Dichters Friedrich von Schiller wird mit nur wenigen Bühnenaufführungen begangen. Die WamS vom 09.11.2009 titelt über zwei Artikeln: „Friedrich Schiller, der schwierige Jubilar“. Und Alexander Kosenia stellt in der FAZ fest, nur vier Jahre nach den Feiern zum 200. Todestag: „Die Kalendersklaven schwächeln, auf dem Buchmarkt scheint das Pulver weitgehend verschossen.“

Titel des Schiller-Beitrags in der WamS am 08.11.2009

Die Biografie von Rüdiger Safranski „Goethe & Schiller – Geschichte einer Freundschaft“ wird hierbei nur als „glänzendes Doppelporträt der Dioskuren“ am Rande erwähnt. Helmut Weidhase, Mediävist in Konstanz, bespricht das Buch im Südkurier. Er lobt die „thematische Biografie“, in der Safranski „historische Lebenswege nicht am Sicherungsgeländer der Chronologie entlang, sondern zu den entscheidenden Ausblicken, Hinsichten, markanten Punkten“ führt.

Einige weitere Neuerscheinungen wären laut Alexander Kosenia dennoch zu nennen, die unter anderem die Bitt- und Bettelbriefe oder auch Parodien des großen Lyrikers, Dramatikers und Literaturtheoretikers gesammelt darstellen. Darunter befindet sich aber auch die Neuauflage einer selten veröffentlichten, comicartigen Bildgeschichte Schillers, die er 1786 für seinen Freund Gottfried Körner gezeichnet hat und das Soufflierbuch der „Räuber“-Uraufführung in Mannheim. Schließlich wird noch Rüdiger Görners Buch „Schillers Apfel“ erwähnt, das den von „Eckermann gestifteten Mythos von Schillers faulen Äpfeln“ aufgreift. „Angeblich sollen diese dem Dichter „als Urfrucht, als verfallende Versuchung“ zur sinnlichen Stimulation des Geistes gedient haben oder umgekehrt als Anker und Erdung beim erhabenen Höhenflug ins Intelligible.“ Sehr spannende Szenen, Gedanken und Bilder zu Schillers 250. Geburtstag.

Im Deutschland-Radio schließlich stellte Wolfgang Schneider am 6. November das Hörbuch von Uwe Ebbinghaus und Norbert Oellers vor: „Schiller. Höhepunkte aus Leben, Werk und Wirkung“. Darin so herrliche Vergegenwärtigungen wie die Vorwegnahme eines Brechtschen Bonmots, die Darstellung einer Reihe geflügelter Worte im „Wilhelm Tell“ und Ansichten zum Beispiel von Friedrich Nietzsche, der Schiller als „Moraltrompeter“, und von Georg Wilhelm Friedrich Hegel, der den „Wallenstein“ als „Reich des Nichts und des Todes“ bezeichnet.

Vorspann des Schiller-Beitrags in der WamS am 08.11.2009

Wenn heute Bundespräsident Horst Köhler das Schiller-Nationalmuseum in Marbach nach dreijährigen Sanierungsarbeiten wiedereröffnet, wird er laut Eckhard Fuhr feststellen, dass die heutige Beschäftigung mit Friedrich Schiller zunächst „Kreuzschmerzen bedeutet“. Lediglich im „Schiller-Nordflügel“ des Museums ginge das Konzept einigermaßen auf, heißt es weiter, im Südflügel zur Literaturlandschaft des 18. und 19. Jahrhunderts jedoch sei der Besucher ohne vorherige Lektüre des umfangreichen Katalogs zur Ausstellung „ganz verloren“.

Schillers ausführliche Biografie sowie ein Schillerquiz gibt es bei Literaturwelt.com, dort sind auch Listen seiner wichtigsten Werke, wie „Die Räuber“ (1781), „Kabale und Liebe“ (1783), „Don Carlos“ (1787), die „Wallenstein-Trilogie“ (1799), „Maria Stuart“ (1800), „Wilhelm Tell“ (1804), sowie Abschriften der bedeutendsten Gedichte zu finden, z.B. „An die Freude“ (1785), „Das Ideal und das Leben“ (1795), „Das Lied von der Glocke“, „Der Ring des Polykrates“, „Der Taucher“  und „Die Kraniche des Ibykus“(alle 1797), „Die Bürgschaft“ (1798)

Kurzbiografie Friedrich von Schiller
(geboren am 10. November 1759 in Marbach, gestorben am 9. Mai 1805 in Weimar)

Bereits 17jährig beginnt der gebürtige Schwabe Friedrich Schiller unter dem Einfluss der Aufklärung seine Arbeit an „Die Räuber“ und erobert sich damit nach der Fertigstellung 1781 bereits einen Platz im „Sturm und Drang“. Zwischenzeitlich hat er die Militärakademie abgeschlossen und wird als Regimentsarzt in Stuttgart angestellt. Nach disziplinarischem Ärger taucht er erst in Mannheim unter und hält sich unter anderem in Frankfurt am Main versteckt, ehe er Ende 1782 auf einem Gut im thüringischen Bauerbach unterkommt. 1783 wechselt er als Theaterdichter für ein Jahr nach Mannheim, schließlich gelingt ihm 1784 mit „Kabale und Liebe“ der Durchbruch. Seine Antrittsrede zur Aufnahme in die Kurfürstliche Deutsche Gesellschaft wird 1802 unter dem Titel „Die Schaubühne als moralische Anstalt“ veröffentlicht.

Von 1785 und 1787 hält sich Schiller vorwiegend in Leipzig und Dresden auf, wo er in finanziellen Schwierigkeiten von seinem Verehrer und späteren Freund Christian Gottfried Körner aufgenommen wird. Zwischen Juli 1787 und Mai 1788 lebt er in Weimar und ist Mitarbeiter an Christoph Martin Wielands Zeitschrift „Der Teutsche Merkur“. 1788 lernt er Goethe kennen ein Jahr später wird er unbezahlter Professor für Geschichte an der Universität Jena. Im Winter 1788 lernt er bei einem Besuch in Süddeutschland Charlotte von Lengefeld kennen, die er am 22. Februar 1790 heiratet. Noch im selben Jahr erkrankt er an einer Lungenentzündung, von deren Folgen er sich nie mehr erholt. Seine Finanznot mildert eine jährliche Pension von Herzog Karl August von Weimar, ab 1791 für fünf Jahre eine Pension der dänischen Regierung. Die idealistische Philosophie Immanuel Kants beeinflusst seine Ästhetik stark. Für sein Drama „Die Räuber“ erhält Schiller 1792 die französische Ehrenbürgerschaft. 1793 wird sein Sohn Carl geboren, im selben Jahr gründet er die Zeitschrift „Die Horen“, für die er im darauf folgenden Jahr beim historischen Treffen am 20.07.1794 in Jena Goethe als Mitarbeiter gewinnt.

Im selben Jahr begegnet er unter anderem Friedrich Hölderlin, Johann Gottlieb Fichte und Wilhelm von Humboldt. Es entwickelt sich ein reger Briefwechsel zwischen Schiller und Goethe, in den Horen erscheinen die Abhandlungen „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ (1795) und „Über naive und sentimentalische Dichtung“ (1795). Die Produktion aus dem „Balladenjahr“ 1797 ist ebenfalls auf den Einfluss Goethes zurückzuführen. Nachdem er 1799 mit seiner Familie nach Weimar übersiedelt, wird er Mitarbeiter des dortigen Theaters und schreibt zahlreiche Theaterstück. 1802 wird er geadelt. Er stirbt am 9. Mai 1805 infolge seiner Krankheit.

Änderungen in der Kölner Medienbranche

Montag, 09. November 2009

Lohnende Wochenendlektüre in Bezug auf unrentable Mediengeschäfte. Dass die Netzeitung ab 2010 nur noch als „automatisiertes Nachrichtenportal“ weiterlaufen soll, wurde schon verschiedentlich berichtet. Obwohl die Redakteure, denen betriebsbedingt gekündigt wird, in Berlin sitzen, gehört der Laden doch dem Kölner Medienhaus M. DuMont Schauberg (MDS), das die Netzeitung nach eigenen Angaben  „aus wirtschaftlichen Gründen“ einstellt.

Titel Menschen & Medien, WamS, 08.11.2009

Nachdem die Zeitung im Internet im Jahr 2000 gegründet worden war, übernahm 2007 der britische Investor David Montgomery das Ruder, ohne jedoch die für eine Weiterentwicklung erforderlichen Investitionen zu tätigen. Zu Beginn des Jahres sprang dann der Verlag M. DuMont Schauberg in die Bresche, dem jedoch laut Kommentar in der Süddeutschen die Verzahnung von Berliner Zeitung und Frankfurter Rundschau wichtiger war. In der Rubrik „Menschen und Medien“ der Welt am Sonntag wird der Vorgang sogar als Aufhänger benutzt, unter dem Titel: „Wie man es schafft, die „Netzeitung“ zu ruinieren“. Darin werden zwei Lehren gezogen: „Der angebliche Niedergang der Print-Branche ist reich an Scheinkorrelationen.“ Und: „So erbarmungslos zu sparen, dass sich die Leser abwenden, ist nicht abhängig vom Medium. Es kann Print wie Internet treffen.“

Im Carta-Blog schlussfolgert Daniel Leisegang: „Die Medienkrise verschärft die Arbeitsbedingungen der freien Journalisten und lässt den Unterschied zwischen unabhängiger Information und PR weiter schwinden. Damit verliert der Journalismus weiter an Glaubwürdigkeit und begibt sich in den freien Fall.“ Diese Einschätzung ergänzt die Video-Keynote von Jeff Jarvis beim Printgipfel auf den Münchner Medientagen : „The Future of Journalism is an entrepreneurial, collaborative process“. Alle Versuche, das alte Geschäftsmodell zu beschützen, werden scheitern.

Titel "Reporterfirma", Süddeutsche Zeitung, 06.11.2009

Die Süddeutsche Zeitung berichtet am vergangenen Freitag unter dem Titel „Reporterfirma“ jedoch auch davon, „DuMont plant offenbar, seine „Schreiberpools“ auszugliedern“. Im Rahmen des Umbaus der Print-Titel Kölner Stadt-Anzeiger, Berliner Zeitung, Frankfurter Rundschau und Mitteldeutsche Zeitung ist demnach geplant Ressorts zusammenzulegen (vor allem Wirtschaft und Politik) und in einer eigenen Gesellschaft  „Schreiberpools“ zu bilden. „Edelfedern“, so die weitergehende Vermutung, würden dann in dieser Gesellschaft beschäftigt, während die Journalisten vor Ort kleinere Brötchen backen müssten.

Noch eine Kölner Randnotiz, schon ein paar Tage älter: am 02. November 2009 berichtet der Kölner Stadt-Anzeiger über die Pläne des Sport-Informationsdienstes SID, bis zum Sommer 2010 von Neuss nach Köln umzuziehen, mit Sitz unmittelbar neben dem dortigen Hauptbahnhof, SID-Geschäftsführer Michael Cremer führt aus, dass für seine Unternehmen etwa 2.500 Reportertage pro Jahr anfallen, mit etwa 60 festen Mitarbeitern. Sicherlich werden auch hier einige freie Journalisten zuliefern. Jedoch handelt es sich beim (nach eigenen Angaben) konkurrenzlosen SID eben um einen Anbieter in einer Nische, mit Sport vermutlich sogar der denkbar größten im Nachrichtenmarkt, was für eine faire Entlohnung der festen und freien Mitarbeiter hoffen lässt.

„Liberale Publizistik“: Dogma und Dementi

Samstag, 07. November 2009

Die NZZ hats mir angetan, ich habe es erst jüngst erwähnt. Vor allem der Blick aus dem Ausland auf die Kultur des deutschen Sprachraums empfinde ich als äußerst belebend, nicht nur im Feuilleton, sondern Anfang der Woche auch im Wirtschaftsteil. Gelegentlich erwacht aber doch ein Wille zum Widerspruch. Gerhard Schwarz, Leiter der Wirtschaftsredaktion und stellvertretender NZZ-Chefredaktor (wie es schweizerisch so schön heißt), hat am vergangenen Wochenende den Preis der Stiftung für abendländische Kultur und Ethik erhalten. Das war der NZZ im Wirtschaftsteil immerhin eine ganze Seite  wert. Das klingt schon ein wenig eitel oder rechtfertigend.

Zu lesen sind vier Spalten Auszüge aus der Rede des Geehrten und eine Spalte aus der des honorigen, aber doch wegen Steuerhinterziehung 1987 verurteilten und damit vorbestraften Laudators Otto Graf Lambsdorff. Seine Laudatio ist betitelt: „Schockresistent liberal“; darin beschreibt er Gerhard Schwarz als geradlinig und dergestalt, „dass er auf den Vorwurf des kleingeistigen Dogmatismus fast gekränkt reagieren kann“. Schwarzens Redebeitrag ist überschrieben:

Titel "Journalisten ohne Werte sind wertlos", NZZ, 02.11.2009

Fraglos basieren gute journalistische Texte auf gewissen tradierten Werten. Das sind Werte einer Grundordnung, denen sich vermutlich die Mehrzahl aller Journalisten gemeinschaftlich verpflichtet fühlen, wie Toleranz, Verantwortung und Rechtschaffenheit. Daneben stehen handwerkliche Werte wie etwa der Grundsatz einer neutralen – vorrangig nicht wertenden – Berichterstattung, das Prüfen von Aussagen, das Anhören einer Gegenseite und sicher auch das Ausrichten an einer Theorie.

Letzteres stellt die Neutralität der Berichterstattung jedoch bereits in Frage – sofern nicht auf die Möglichkeit hingewiesen wird, dass auch andere Theorien möglich sind, um einen Zugang zum Geschehen und eine Interpretation desselben zu erlangen.

Vorspann "Journalisten ohne Werte sind wertlos", NZZ, 02.11.2009

Was soll aber bedeuten, gegen den Liberalismus werde häufig die Ideologiekeule geschwungen? Liberalismus IST eine philosophische, ökonomische und politische Ideologie, die die individuelle Freiheit als normative Grundlage der Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung anstrebt. Sofern Liberalismus im Sinne der aufklärerischen philosophischen Definition als Synonym zu einer pluralistischen Demokratie aufgefasst wird, bekenne ich mich auch zum Liberalismus, vor allem im Gegensatz zum Totalitarismus.

„Liberale Publizistik“ verschreibt sich damit vor allem dem Grundprinzip der Meinungsfreiheit. Wenn Kant in seiner Kritik der praktischen Vernunft die Ursprung der Moral im freien Willen verortet, so ist gerade das Moralische in einer liberalen Publizistik sicherlich angebracht. Vor allem im Feuilleton kommt dem Journalismus nach meiner Auffassung die „Kernkompetenz der Vernunft“ zu, Urteile zu fällen. Je nach Gesichtspunkt lassen sich für unterschiedliche Urteile zum selben Sachverhalt gute und bessere Argumente finden.

Liberale Publizistik findet als feststehender Begriff hauptsächlich Verwendung in historischen Zusammenhängern wie dem späten Kaiserreich,  der Weimarer Republik und im Zusammenhang mit einer Unterstützung der Wirtschaftspolitik Ludwig Erhards in der FAZ und der NZZ zwischen 1948 und 1957 . Doch das ist kein Grund, die liberale Publizistik auch heute als eine wertkonservative Einrichtung zu betrachten, wohl möglich mit der Absicht, nur ja den eigenen Status Quo zu erhalten.

Gerhard Schwarz schwankt zwischen einer Auffassung des Liberalismus als eine „positive Vision“, Zitat „wie Erhards <<Wohlstand für alle>> nach dem Zweiten Weltkrieg“ und der als „Grundprinzip“, das „für die Freiheit nie nur aus Gründen der Nützlichkeit“ eintritt.

Schlussabsatz, "Journalisten ohne Werte sind wertlos", NZZ, 02.11.2009

Die Rationalität des Liberalismus, so Schwarz, überfordere viele Menschen, gleichzeitig gebe er der Politik keine Werte vor – außer eben dem der Freiheit. Für einen Liberalen bedeutet in seinen Augen der Begriff Freiheit eine „Freiheit von…“ (z.B. Gewalt, Unterdrückung, Angst und Schrecken) und nicht als „Freiheit zu…“ (z.B. Selbstverwirklichung, Meinungsäußerung, Übernahme von Verantwortung und Engagement). Beides scheint mir aber unauflösbar miteinander verbunden, so wie in der Gesprächsführung das „Warum?“ nach den Gründen fragt und das „Wozu?“ nach den Lösungen.

Dass das „Ja zur Freiheit“, sprich das Bekenntnis zum Liberalismus einzig auf der „Erfahrung und dem Vertrauen (beruht), dass Freiheit per saldo mehr Kräfte zum Guten als zum Schlechten auslöst“, erscheint mir als Begründung etwas dünn. Wenn es eine Vision gibt, besteht da vielleicht doch auch ein Idealbild, auf das hinzuarbeiten es sich lohnen könnte? Ja sagen zum Unvorhersehbaren ist das Eine, das Andere aber auch Nein sagen zum Vorhersehbaren. Da verlangt die Publizistik Klartext, wie es jüngst zum Beispiel Rainer Hank in der FAZ mit seiner Analyse „Das Elend der FDP“ gemacht hat, in der er ihr „sozialdemokratischen Klientelismus“ vorwirft. En passant wird hier der Liberalismus als „kalt, herzlos und sozial ungerecht“ charakterisiert.

Genau das ist er auch in der Publizistik, wenn in der Berichterstattung lediglich Werte zur Anwendung gelangen, die der Tradition das Wort reden, wenn die Vorstellung einer gerechteren Gesellschaft in den Werten keinen Platz findet. Die Tatsache, dass sich Werte ebenso wie die Sprache und die Gesellschaft laufend fortentwickeln, ist für mich der Hauptgrund, warum ich mit wertkonservativen Liberalen wenig anfangen kann.

Philosophie, aus der Höhle auf die Fähre

Freitag, 06. November 2009

Neulich von einer 12.-Klässlerin befragt: „Worum geht’s eigentlich in der Philosophie?“, fiel mir die Antwort schwer. Dabei hab ich das gesamte Gebiet als ein Hauptfach studiert und abgeschlossen. Natürlich geht es im engeren Sinn um die „Freundschaft zur Weisheit“. Dann sind mir die bekannten drei großen Fragen nach Kant eingefallen: „Was soll ich tun (praktische Philosophie, Ethik)? Was darf ich hoffen (Sinnsuche in Anbetracht von Tod, im Zusammenhang mit Religion und Gesellschaftsutopien)? Was kann ich wissen (Erkenntnistheorie)?“

Zum ersten Punkt ist gleich Kants gerne zitierter Kategorischer Imperativ aus der „Grundlegung zur Metaphysik der Sitten“ zur Hand: „Handle immer nur nach derjenigen Maxime, durch die Du zugleich wollen kannst, dass sie allgemeines Gesetz wird!“ Zum zweiten ist mir kein gängiger Einstiegstext geläufig. In der Beschäftigung mit Kant ist das Gegensatzpaar von Erkennen und dem Wissen zu Glauben und dem Geheimnis ein möglicher Zugang. Praktische Postulate sind der Glaube an die unsterbliche Seele, an die Existenz Gottes oder an den freien Willen. Darüber lässt sich trefflich streiten, ohne zu einem festen Wissen, aber doch zu einer festen Überzeugung zu gelangen.

Zum dritten Punkt fällt mir Platons Höhlengleichnis im Buch „Politeia“ ein, das Gespräch zwischen Sokrates und Glaukon, oft einer der ersten Texte in einer Philosophie-AG oder einem Grundkurs. Der Weg zur Erkenntnis ist beschwerlich und beginnt damit, die Dinge zu hinterfragen und den Blickwinkel zu ändern. Zuerst sehen Menschen in einer Höhle nur Schatten an der Wand, dann sehen sie die Dinge selbst, anschließend gelangen sie nach draußen und beginnen im zunächst schmerzenden Sonnenlicht Dinge wahrzunehmen. Die wahre Erkenntnis wäre nach Platon die „Idee des Guten“ im „Reich der Ideen“.  – Schließlich nicht zu vergessen, dass daran sich noch die vierte Frage anschloss: „Was ist der Mensch“, deren Antwort aus der Beschäftigung mit den drei vorgenannten sich ergeben kann.

Das Andere Ihrer selbst

Wir können auch bereits im Internet  ganze Bücher dazu lesen. Dann aber sah ich im Feuilletonteil der Neuen Züricher Zeitung vom vergangenen Samstag den Artikel „Über die Liebe zur Weisheit und andere Zustände – Über das geheimnis der Philosophie“. Darin behandelt Uwe Justus Wenzel drei Neuerscheinungen philosophischer Bücher: „Einführung in die Anti-Philospohie“ von Boris Groys im Verlag Carl Hanser, „Das Mich der Wahrnehmung“ von Lambert Wiesing im Suhrkamp-Verlag sowie „Theorien“ von Martin Seel im Verlag S. Fischer.

Spannend bereits der Einstieg, „Philosophie ist aus auf Nicht-Philosophie“, streng genommen. Denn sie strebt nach Weisheit und damit erstrebt sie etwas jenseits ihrer selbst Liegendes, ein „Anderes der Philosophie“. Lebensnah und lustig die Vergleiche von Uwe Justus Wenzel, dass es sich hierbei ebenso um Seelenruhe wie Revolution handeln könnte, um die Vereinigung mit einer Gottheit ebenso wie die mit  der Wissenschaft, oder aber auch um Politikberatung und die Ethikkommission. Sein Ausgangspunkt: „In sich selbst“ (durch Diskurs und Textarbeit) sich dem „Anderen ihrer selbst“ zu verschreiben, macht sie allenfalls zur „Anti-Philosophie“, nicht aber zur „Nicht-Philosophie“. Klar, so weit?

Anti-Philosophie auf der Fähre

Daraufhin wendet er sich den genannten Büchern zu und urteilt, Boris Groys, mit seiner Behauptung einer antiphilosophischen Wende seit Marx und Kierkegaard liege falsch, wenn er meine, philosophische Texte würden „zu Anweisungen für einen Leser, der aufgerufen wird zu handeln statt zu denken.“ Lambert Wiesing hingegen würde ein Programm eines Philosophierens ohne Hypothesen andeuten. Entsprechende Schriften gäben demnach dem Leser die Anweisung, die Erkenntnis des Schreibenden „aus eigener Kraft nachzuvollziehen“ Um Wenzels Anspruch einer „Anti-Philosophie“ gerecht zu werden (stets auf der Grenze, nach „dem Anderen ihrer selbst“ zu streben, ohne dies aber je erreichen zu können), könnte das Denken dabei eine Erfahrung machen, die selbst eine Wirklichkeit ist.

Schließlich rekurriert er auf Seels neues Buch, in dem in einem kurzen „Denkstück“ von Fähren in manchen Weltgegenden die Rede ist, auf denen der Passagier mit einem gelösten Ticket so oft hin und her fahren darf, bis er die Fähre verlässt. Vermutlich wäre in diesem Bild die Philosophie jedoch weder das Ticket (als, so Wenzel,  „Lizenz zur Kontemplation“) noch die Person (als, so Wenzel „rationale Mystikerin“), sondern – so mein Vorschlag, die Fähre selbst, die uns, laut Seel „für geringe Kosten bleiben lässt, wo wir sind, aber in einer Bewegung, die uns dahin mitnimmt, wohin wir früher oder später zurückkehren müssen.“

Ob wir dahin zurückkehren müssen, weiß ich nicht, möglicherweise im Sinne der abgeschlossenen Reflektion. Aber zum Feuilleton der NZZ werde ich als Alternative zu dem der Süddeutschen und der FAZ gerne wieder zurückkehren.

Selbstverliebt oder durchgeknallt?

Mittwoch, 04. November 2009

Nachdem der Chefredakteur der Bild-Zeitung Kai Diekmann in seinem neuen Blog Gespräche mit sich selber führt – und dieser Umstand doch für einiges Aufsehen gesorgt hat – dachte ich mir: „Hey! Was solls? – Das machst Du jetzt auch!“

Jörg Benner im Spiegel der Reflektion

Hintergrund bei mir ist jedoch weniger die von Diekmann selbst ins Feld geführte Eitelkeit, sondern eher die Notwendigkeit, im Vorfeld der Jahreshauptversammlung des Deutschen Frisbeesport-Verbandes am 5.12. im Club Voltaire in Frankfurt einiges los zu werden, das ich sonst nicht so gut hätte unterbringen können.

Üblicherweise interview ich pro Monat aus aktuellen Anlässen jeweils zwei Sportler oder Funktionäre. In diesem Monat erscheint mir die Jahreshauptversammlung einfach als der wichtigste Anlass, daher diese vermutlich doch eher einmalige Vorgehensweise.  – Aber wer weiß was passiert, wenn mein Vorgehen ähnlich viele Rückmeldungen erhält wie die Aktion des Vorzeige-Boulevardmannes, der gemäß den Kommentaren bei Zeit.de aus seinen Defiziten an Aufmerksamkeit heraus vorgibt, selbstkritisch zu sein? ADS könnte in der Tat bei mir gegenüber der Leserschaft aus dem wachsenden Kreis der Frisbeesport-Aktiven in Deutschland auch der Grund sein.

Besonders schön hat mir jedoch der Kommentar eines Lesers gefallen, der einfach nur das Wilhelm Busch-Gedicht zitiert:

Kritik des Herzens

Die Selbstkritik hat viel für sich.
Gesetzt den Fall, ich tadle mich:
So hab ich erstens den Gewinn,
Dass ich so hübsch bescheiden bin;

Zum zweiten denken sich die Leut,
Der Mann ist lauter Redlichkeit;
Auch schnapp ich drittens diesen Bissen
Vorweg den andern Kritiküssen;

Und viertens hoff ich außerdem
Auf Widerspruch, der mir genehm.
So kommt es denn zuletzt heraus,
Dass ich ein ganz famoses Haus.

Nachrichtenregeln auf dem Prüfstand

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Der Beitrag „Morgenwelt 54: Journalismus im Wandel“ von Thomas Euler auf www.pr-blogger.de hat mich zum engagierten Plädoyer des britischen Journalisten Dan Gillmor für neue Regeln des praktischen Journalismus auf guardian.co.uk gebracht. Der Autor führt 22 mehr oder weniger lose verknüpfte Ideen auf, wie der Alltag an „fauler und fantasieloser“ Berichterstattung zu beheben wäre. Die Beurteilungen der Leser schwanken zwischen „gelungenes journalistisches Manifest“ und „Wolkenkuckucksheim“.

Die Liste der 22 Ideen für Nachrichten lässt sich verstehen als Vorschläge für eine stärkere Lesereinbindung, einen stärkeren Lesernutzen und hauptsächlich für einen „aufklärerischeren“ Journalismus.  Diese Ideen sollte jeder Journalist, der sein Geld wert ist, sehr sorgsam durchsehen, bevor er sie bricht, schreibt ein Kommentator. Denn jeder Journalist, der sein Geld wert ist, breche gelegentlich die Regeln.

Die Regeln in Kurzform:

  1. Keine Jahrestage thematisieren (Anlass seiner Liste war die Berichterstattung zum ersten Jahrestag des Bankrotts der Investmentbank Lehmann-Brothers).
  2. Einbeziehen der Leserschaft in den Nachrichtenfluss über die neuen Medien (mit Vergütungsmodell).
  3. Eine Infobox mit „Dingen, die wir nicht wissen“, verbunden mit der Aufforderung an die Leser zum Verständnis beizutragen (gemäß Modell unter Punkt 2).
  4. Newsletter-Service über Fehler, die das eigene Medium begangen hat.
  5. Ausweiten der Meinungsseite bei Print und online, neben Höflichkeitsregeln sollten auch nur echte Namen gelten.
  6. Keine Umschreibung unschöner Sachverhalte (eine Lüge ist eine Lüge).
  7. Kein Orwell’sches Vokabular/PR-Sprache (Gillmors Vorschlag euphemistische oder inkorrekte Zitate zu vermeiden und umzuschreiben stößt auf die Kritik besser beides zu bringen, das Zitat und die Bloßstellung).
  8. Verlinken, was zu verlinken ist – auch zu relevanten, die Diskussion bereichernden Mitbewerbern.
  9. Ein frei zugängliches Archiv mit umfangreichen Suchfunktionen anbieten.
  10. Community-Mitglieder von passiven Konsumenten zu informierten Mediennutzern erziehen (in Zusammenarbeit mit Schulen und anderen Institutionen).
  11. Niemals Top-Ten-Listen veröffentlichen.
  12. So gut wie niemals unbenannte Quellen zitieren.
  13. Falls ausnahmsweise Anonymität zugesichert wurde und die Darstellung sich als Lüge entpuppt, die Quelle enttarnen (solche Fälle auch bei Wettbewerbern aufdecken).
  14. Das Wort in Leitartikeln, dass ein Politiker etwas tun „muss“, vermeiden und stattdessen glaubhafte Überzeugungsarbeit leisten.
  15. Regelmäßige Verweise auf die Arbeit der Konkurrenz und von Bloggern (siehe Punkt 8).
  16. Errungenschaften der Konkurrenz hervorheben – je lobenswerter sie ist, desto ausführlicher (anstatt sie wie heute totzuschweigen), für mehr Glaubhaftigkeit.
  17. An wichtigen Themen gemäß der Überzeugung der Redaktion unnachgiebig dranbleiben (wie etwa der Immobilien-Blase, siehe Punkt 1).
  18. Einen Ansatzpunkt für jedes wichtige, über einen längeren Zeitraum verfolgte Thema schaffen, ein Basis-Artikel oder -Video als Einstieg und Zusammenfassung.
  19. Hinweise, wenn aus Neuigkeiten konkret sich Handlungen ableiten lassen, Infoboxen „Was Sie tun können“.
  20. Konsequent offen legen, wer hinter welchen Worten und Taten steckt. Über Versäumnisse aufklären, bei Mitbewerbern, aber auch im eigenen Haus (siehe Punkt 2).
  21. Davon absehen, aus seltsamen oder tragischen Einzelfallberichten eine größere Gefahr hochzurechnen. Ernsthafte gegenüber statistisch weniger bedrohlichen Risiken regelmäßig diskutieren.
  22. Auf Meinungsbeiträge von Top-Politikern und Wirtschaftbossen verzichten, da sie nie von ihnen selbst stammen.

Der Artikel vom 3. Oktober hat während dreier Tage eine rege Diskussion mit mehr als 100 Kommentaren auf der Guardian-Homepage ausgelöst. Darin findet sich vorwiegend Zustimmung zu einzelnen Punkten. Allerdings wird auch kritisiert, dass Journalisten in der neutralen Berichterstattung vor allem nüchtern und fantasielos sein sollten. Auch heißt es darin, Nachrichten werden von den Journalisten nicht erzeugt, sondern lediglich berichtet. Ein anderer Kommentator fragt, ob man ihnen nicht alles andere vorwerfen könnte, als dass sie faul seien? Vielmehr treibe sie die reelle Medienlandschaft im Umbruch dazu, aufgrund fehlender Zeit und personeller Unterstützung an den Schreibtisch gefesselt zu sein.

Zudem klingt in einigen Rückmeldungen der Umstand an, dass Verlage dazu gezwungen sind, Gewinne zu erwirtschaften und sich daher das meiste nicht leicht umsetzen ließe. Viele regionale Zeitungsverlagshäuser hätten exakt einige der Punkte schon ausprobiert, ist weiter zu lesen. Die meisten Leser seien daran aber doch nicht interessiert. Das Einbeziehen der Leserschaft kann (ohne Qualitätskontrolle) zu einer unmittelbaren Verschlechterung der Nachrichtenlage führen. Andererseits verleitet auch der wachsende Zeitdruck vermehrt zum Fehlerteufel und zum selteneren Hinterfragen diverser Formulierungen und Hintergründe. Zuletzt sei der Zweifel erlaubt, ob der Auftrag von Journalisten über die Berichterstattung hinaus Überzeugungsarbeit einbegreift.

Die Kernkompetenz erweitern

Mittwoch, 21. Oktober 2009

Noch einmal der Bezug zur Titelgeschichte des Journal DJV NRW: „Freie Journalisten – Von Print leben – geht das?“ Neben der vielfältigen Darstellung des Autors Werner Hinse zeigen sieben Tipps von Bettina Blaß streng genommen: Ja, das geht genau dann, wenn über das Kernfeld des Printjournalismus hinaus gearbeitet wird. Sie heißen unter anderem: Seminare anbieten, Rein ins Netz, multimedial denken, auf sich aufmerksam machen, das Web 2.0 für seine Zwecke nutzen und aktiv Kunden ansprechen.

Das Journal DJV NRW 05-09 mit der Titelgeschichte

Âus aktuellem Anlass habe ich gleich Tipp 1 beherzigt und hier eine Unterseite namens „Presseschulung“ eingerichtet. Immerhin erzähle ich Interessierten regelmäßig über die Presselandschaft und übe mit ihnen praktische Tätigkeiten der Basis-Pressearbeit, wie Veranstaltungshinweise kurz nach den großen W-Fragen formulieren oder eine Presse-Einladung ebenso knapp und doch interessant zu gestalten.

Service-Tipps von Bettina Blaß in der Titelgeschichte des Journal DJV NRW 5/099

Allerdings muss ich auch selbstkritisch sein. In anderen Bereichen sind zweifellos Schwächen vorhanden: was die Vernetzung angeht, die Präsenz in Social Networks, die Mitsprache in anderen Blogs und Foren. Woher allerdings die Zeit nehmen, wenn neben dem Aufwand für den Broterwerb auch das soziale Netzwerk einer Familie besteht?

Immerhin ist dieser Blog schon so prominent, dass ich jetzt erstmals eine Unterlassungerklärung per Post zugestellt bekam, die mich bei Zuwiderhandlung zu einer Zahlung in Höhe von 250.000 Euro verdonnern möchte! Tut mir leid, auch dafür habe ich keine Zeit – in diesem Fall jedoch aus inhaltlichen Gründen.

Wieder und wieder die „Marke Ich“

Dienstag, 20. Oktober 2009

„I & I“ im Reggae, z.B. bei den „Bad Brains“ oder „Me, myself and I“ bei „De La Soul“  singt weniger von Bewusstseinspaltung, als vielmehr von allen Aspekten des Seins. Dies wird für den modernen multimedial vernetzten Menschen verdeutlicht durch die „Marke Ich“, die es im  Web 2.0 zu pflegen gilt.

Tatsächlich brachte mich ein Artikel Mitte des Jahres im Magazin „Wirtschaftsjournalist“ darauf  endlich einen eigenen Blog zu starten.  Am vergangenen Wochenende bin ich nun gleich über drei entsprechende Artikel gestolpert. Zuerst bei Klaus Eck, dem PR-Blogger, „10 Personal Branding Tipps für den Erfolg“, dann im Magazin der Süddeutschen  „Projekt Neustart“ von Meike Winnemuth und schließlich im Journal des DJV NRW: „Bloggst Du noch oder twitterst Du schon?“ von Bettina Blaß.

Bettina Blaß im Journal DJV NRW

In der Tat muss ich zugeben: Ich blogge noch – bzw. gerade erst! Da kommt mir diese leicht verständliche Anleitung zum Twittern doch gerade recht. Wobei eingeschränkt wird: „Twitter ist nur ein kleines Teilchen“, wie in einem separaten Kasten der Projektleiter des Wissenschaftszuges der Max-Planck-Gesellschaft  Andreas Trepte zitiert wird. An der wachsenden digitalen Kluft, prognostiziert er, werde Twitter nichts ändern. Weiter beschreibt er die Zukunft mit dem Web 3.0 mit „semantischen Antwortmaschinen, die Informationen interpretieren, priorisieren und personalisieren können“. Würde man das Internet abschalten, so seine Antwort auf die spannende Abschlussfrage, „würde die Gesellschaft, wie wir sie kennen, zusammenbrechen.“

Im selben Heft lautet das Titelthema übrigens „Von Print leben? Geht doch!“ mit sieben praktischen Tipps für freie Autoren. Darunter: „Nutzen Sie das Web 2.0 für Ihre Zwecke.“

Tipp 6 von Bettina Blaß im Beitrag von Werner Hinse: "Von Print leben? Geht doch!"

Im Selbstversuch von Meike Winnemuth im Magazin der Süddeutschen geht es darum, wie sich plötzlich Arbeitslose neu erfinden können. Berufsberatung und Personality Coaching sollen da helfen. Also besucht sie die „Entwicklungshelfer“ in Düsseldorf.  Nach zahllosen Fragerunden und Tests über acht Stunden (für übrigens 1.900 Euro) stellt sich heraus, dass die Journalistin im Falle eines Jobverlusts was werden sollte? – Richtig, Journalistin! Das hat sie wohl bereits den richtigen Beruf auf Lebenszeit gefunden. „Es ist erstaunlich, dass die wenigsten Leute das tun, was sie lieben und was ihnen liegt“ wird der Berater Tim Prell zitiert.

Aus "Projekt Neustart" im Magazin der Süddeutschen vom 17.10.2009

In dieselbe Richtung zielt auch einer der zehn Ratschläge von Klaus Eck. Die Begeisterung für das eigene Betätigungsfeld ist Voraussetzung dafür, andere zu begeistern. „Nur wer brennt, kann andere entfachen“, habe ich in diesem Zusammenhang auch schon sagen hören. Andere Tipps betreffen die nötige zu investierende Zeit – in der Tat! – das benötigte Selbstbewusstsein etwa, um Tags für die Marke ich festzulegen und anzuwenden, die Vorzüge der eigenen Persönlichkeit hervorzukehren und zu stärken sowie nachhaltig, authentisch (unter eigenem Namen), kompetent und durchaus polarisierend zu den eigenen Themen Stellung zu beziehen. Last not least sollte es an der Perspektive nicht fehlen – wie eine Konzeption stets nur einer Strategie folgen kann, andernfalls wäre sie kaum Erfolg versprechend.

Zuletzt zitiert er den „Wirtschaftvisionär, Guru, Popstar“ (laut Manager Magazin) Tom Peters mit dem Begriff des „brand called you“. Dabei dachte ich doch, es sollte „Ich“ sein, oder „Ich und Ich“ (Annette Humpe und Adel Tawil), wie sie in ihrem Lied „Stark“ singen (der ganze Text):  

 

Und du glaubst, ich bin stark und ich kenn den Weg.
Du bildest dir ein, ich weiss, wie alles geht.
Du denkst, ich habe alles im Griff
Und kontrollier was geschieht.
Aber ich steh nur hier oben und sing mein Lied.

Papiertiger auf dem Sprung?

Sonntag, 18. Oktober 2009

„Selbstgefälligkeit ist die Gefahr“. Der Verlag Johann Oberauer, der auch das Journalistenportal Newsroom.de betreibt, hat die deutsche Ausgabe des „Weltreports Zeitungsinnovationen 2009“ der Innovation International Media Consulting Group herausgegeben, der laut Vorwort von Rupert Murdoch, Vorsitzender und Geschäftsführer von News Corporation demonstriert, „wie Zeitungen im digitalen Zeitalter weltweit neu erfunden werden“. Seiner Einleitung zufolge ist die Gefahr heute nicht „Konkurrenz durch neue Technologien, es ist die Selbstgefälligkeit derjenigen in unserer Industrie, die die Monopolstellung gewöhnt sind.“

Zeitungsinnovationen 2009 Weltreport

Nach den Angaben des Pressetextes beantwortet der erstmals in deutscher Sprache erschienene internationale Report, übrigens die bereits 11. Ausgabe erstellt im Auftrag der „World Association of Newspapers“, die 13 wichtigsten Fragen der Zeitungsbranche. Gemeint ist hierbei das Essay „Ode an das gedruckte Wort“ von Carlos Soria, Vorsitzender der Innovation International Media Consulting Group. Aus meiner Sicht interessante und nützliche Beiträge sind:  „Wie organisiert man sich für die Multimedia-Welt?“, „Können Qualitätsblogger helfen, die Zeitungen zu retten?“ und „Leser wollen die Wahrheit, die volle Wahrheit und nichts als die Wahrheit.“

Der Papiertiger auf dem Deckblatt des Weltreports Zeitungsinnovationen 2009

Der „Papiertiger“ ist als Begriff eine Erfindung des chinesischen Kommunistenführers Mao Zedong. Er beschreibt eine sich machtvoll gebende Organisation, die vor lauter Bürokratismus keine brauchbaren Ergebnisse mehr erzeugt. Dass sich ein solcher Papiertiger auf dem Deckblatt des Weltreports befindet, kann bedeuten: Liebe Zeitungsmacher weltweit, ihr selbst lauft Gefahr, zu Papiertigern zu verkommen, wenn ihr die Zeichen der Zeit nicht erkennt – und umsetzt – oder aber sie besagt: Ihr seid bereits Papiertiger und müsst euch gehörig straffen, damit Euch der Absprung gelingt.

Für die zweite Auslegungsvariante spricht der Tenor, der sich durch das Buch hindurchzieht: Es gibt gute und ermutigende Beispiele innerhalb der Zeitungsbranche weltweit – wie die Huffington Post oder auch Le Monde in Paris Blogger einbinden, wie die Wochenendbeilage Unica der portugiesischen Wochenzeitung Expresso auf „Fusion-Journalismus“ setzt oder wie die „Times of India“ eine „Lead-India-Initiative“ gestartet hat, um das Land aus der Agonie zu ziehen. Das wars dann aber im Wesentlichen auch schon. Die Umfrage unter dem Titel „Leser wollen die Wahrheit…“ zeigt hingegen, ein Trendwechsel steht nicht bevor. Das kann auch nicht die Illustration eines Papier-Phönix aus der Asche zum o.g. Essay beschönigen.

Chart 6 der Zeitungsumfrage im Weltreport

Unterteilt nach USA und Europa, bzw.  den fünf Ländern Großbritannien, Frankreich, Italien, Spanien und Deutschland, werden Antworten von 2009 mit denen von 2007 verglichen – jeweils aus repräsentativen Umfragen mit mehr als 1.000 Befragten in jedem europäischen Land, bzw. mehr als 2.800 in den USA. Bei der Frage nach der Nutzung verschiedener Nachrichtenquellen sind Online-News in den USA innerhalb zwei Jahren von 18 auf 22 % gestiegen (auf Platz 2 hinter TV-Nachrichten mit 26 %), in Deutschland von 16 auf 18 % (ebenfalls auf Platz 2 hinter TV-Nachrichten, neu aber vor dem Radio mit nur noch 16 %). Deutschland liegt bei der Frage nach Glaubwürdigkeit von Zeitungen ganz vorne mit 66 von 100 Punkten, europaweit liegt dieser Wert bei 57, in den USA bei 59 Punkten.

Die Gründe, warum manche Leute nicht regelmäßig die Zeitung lesen, sind noch weitgehend dieselben wie vor zwei Jahren: Zeitmangel, Umständlichkeit (es ist einfacher online zu gehen), zu einseitiger Standpunkt, bzw. nicht vertrauenswürdig, zu teuer, von zu schlechter Qualität (Mehrfachnennungen waren möglich). In Deutschland  überwiegen dabei (übrigens ähnlich wie in Frankreich) die hohen Kosten mit 55 %, die Umständlichkeit im Vergleich zu Internet-News mit 51 % und der Zeitmangel mit 45 %.

Entscheidend ist aber die Tabelle 6 mit dem Titel „Nichtleser sind NICHT in der Mehrheit und Online ist NICHT die einzige Quelle.“ (s.o., gemeint sind Nicht-Zeitungsleser). Der Titel könnte auch lauten: „Nichtleser sind NOCH nicht in der Mehrheit, und Online ist noch nicht die WICHTIGSTE Quelle.“ Das ist am besten bei den Angaben zur untersten Option ersichtlich  „Ich besuche Onlineseiten für Nachrichten und Infos nicht regelmäßig, sie sind keine wichtige Quelle für mich“. Im Vergleich zu 2007 hat die Zahl der Zustimmer in Deutschland von 32 % auf 25 % nachgelassen. In Italien ist sie von 31 auf 10 % gesunken, in Großbritannien von 40 auf 27 %. Das heißt, dass deutlich immer mehr Menschen jedenfalls gelegentlich auch zur Nachrichtenversorgung online gehen.

Insofern kann die Gesamtzahl in Bezug auf Europa von 2007 keinesfalls stimmen (in der Grafik ganz unten rechts außen). Wenn das jetzige Mittel von 2009 bei 20 % liegt, wird das von 2007 – den einzelnen Landeswerten zufolge – eher bei 30 % als wie angegeben ebenfalls bei 20 % gelegen haben. Das ist ein deutliches Indiz für die weitere schleichende Zunahme der Bedeutung von Online-Medien für die künftige Nachrichtenversorgung.

Das ganze Titelblatt des Weltreports Zeitungsinnovationen 2009

„Zeitungsinnovationen 2009 – Weltreport“ wendet sich an Journalisten, Chefredakteure, Verleger und Führungskräfte in Medienhäusern. Medienfachverlag Oberauer, Salzburg 2009, 86 Seiten, Paperback, 25,- Euro, Bestellung per Mail unter vertrieb@oberauer.com.

Die Buchmesse ohne mich

Donnerstag, 15. Oktober 2009

Wieder einmal steigt die Frankfurter Buchmesse und wieder einmal werde ich nicht dabei sein. Schade eigentlich… Dabei gibt es sicherlich genug Gründe, mir den sehnlichen Wunsch auszureden: Die Unübersichtlichkeit der Neuerscheinungen – rund 400.000 Bücher und andere Verlagsprodukte werden präsentiert, davon alleine 124.000 Neuerscheinungen! – die Unübersichtlichkeit einer Messe schlechthin, der Umstand dass ich selber (noch) kein Buch geschrieben habe und nicht zuletzt der unglückliche Umstand, dass die offizielle Delegation des Ehrengastlandes China eher Zensur als Meinungsfreiheit vertritt.

 Aufbau des Forums zum Ehrengastland China im 1. Stock unter dem Motto "Tradition und Innovation"

Das Land China präsentiert sich als Ehrengast mit dem Motto „Tradition und Innovation“ im 1. Stock des Forums. Bei der offiziellen Eröffnungsveranstaltung zeigten sich nicht nur die Politiker in ihren Ansprachen äußerst diplomatisch, Angela Merkel, Roland Koch und Petra Roth, sondern auch der Buchmessen-Direktor Juergen Boos und der „Vorsteher“ des Börsenvereins Gottfried Honnefelder. Wie Uwe Wittstock in seinem heutigen Leitartikel in Die Welt zur Recht feststellt, wurde keine Frage nach dem seit Monaten inhaftierten Bürgerrechtler und Ex-Präsidenten des chinesischen PEN, Liu Xiaobo, gestellt. Wie er zudem bemerkt, bedeuten 500 Veranstaltungen zu China, von denen etwa die Hälfte nicht-chinesische Verlage ausrichten, noch nicht, dass ein Dialog in Gang käme.

Aufbau des Infostandes der Frankfurter Buchmesse im Foyer der Halle 4, Foto: Peter Hirth

Doch auch unabhängig von der konzeptionellen Schwäche – oder besser realpolitischen Konzedenz – bleibt die Chance auf einen repräsentativen Eindruck der gesamten Messe gering. Wo anfangen – wo aufhören? Der Hanser-Verlag scheint eine gute Adresse zu sein, immerhin hat er in den vergangenen vier Jahren gleich drei Literaturnobelpreisträger in Deutschland verlegt: Orihan Pamuk 2006, Jean-Marie Le Clézio 2008 und Herta Müller in diesem Jahr. Die Auflage ihres jüngsten Romans „Atemschaukel“ hat der Verlag denn auch spontan von 30.000 auf 80.000 erhöht, wie im Feuilleton der heutigen FAZ zu lesen ist „Schon wieder ein Nobelpreis“.

Interessant wären auch die Bücher „Du stirbst nicht“ von Kathrin Schmidt, die dafür jüngst den Deutschen Buchpreis erhielt, „Der Himmel ist kein Ort“, des auch als Literaturwissenschaftler herausragenden Dieter Wellershoff, oder „Pssst! Geschichte meiner Kindheit“ von Raymond Federman. Nicht zuletzt zeugt auch der Roman des erst 13jährigen Leander Winkels aus Düsseldorf „Die Blume des Bösen“ von einer gewissen Größe. Sogar der angeblich jüngste Autor der Buchmesse wird an einem Tag auf der Buchmesse sein, worauf auch die Welt am Sonntag in ihrem NRW-Teil hinwies.

Agora und Messeturm, Foto: Peter Hirth

Zwar bin ich schon deutlich älter, aber auch mir bleibt immer noch Zeit, in einem der kommenden Jahre die Buchmesse nicht nur von außen zu betrachten. Ich arbeite daran. Und wie mich die FAZ am Sonntag auf ihren Wissenschaftsseiten beruhigte, gibt es offenbar keine Bestsellerformel. So wird der Medienwissenschaftler Werner Faulstich zitiert, während der Literaturtheoretiker John Cawelti dafür bereits vor 40 Jahren die Originalität des Stoffes und die richtige Mischung aus Konvention und Innovation verantwortlich machte. Womit wir wieder bei der diesjährigen Buchmesse wären. Und dass ich nicht dort bin. Vielleicht im kommenden Jahr.