Archiv für die Kategorie ‘Journalismus’

Urlaub vom Internet

Freitag, 23. Juli 2010

Das wird ein Thema sein, das uns künftig zu jedem Sommerloch beschäftigen wird, da bin ich mir ganz sicher. Dazu bietet es jedenfalls  alles, was der Sommer als Urlaubszeit so mit sich bringt: Entschleunigung, Entspannung, Entsagung.

Welt, 23.07.2010, Titel: Digitales Fasten

 Die Relevanz wird alleine dadurch verdeutlicht, dass innerhalb von sechs Tagen die Welt und die Welt am Sonntag darüber berichten, zum einen Wieland Freund, der sich auf zwei Buchveröffentlichungen bezieht, Alex Rühle “Ohne Netz” und Christoph Koch “Ich bin dann mal offline”, zum anderen Matthias Wulff, der ebenfalls auf  Alex Rühles Buch rekurriert. Wieland Freund verweist in der Welt auf entsprechende Artikel im Spiegel und Focus und erwähnt ein weiteres Buch, das im Oktober erscheint, von Nicholas Carr: “Wer bin ich, wenn ich online bin?”. Kein anderer, ist meine Überzeugung, nur in einer anderen Umgebung, einer anderen Wirklichkeit, dabei nicht weniger wirklich.

Alex Rühle, ein Feuilleton-Journalist für die Süddeutsche Zeitung, hat ein halbes Jahr offline gelebt, der freiberufliche Christoph Koch immerhin 40 Tage. Die Askese sollte dem Wort gemäß reinigende Funktion haben, aus der Vermutung herausder beiden Buchautoren, dass ihr Online-Verhalten an Sucht grenzt. Ich erfahre, dass Alex Rühle stattdessen wieder mehr fernsieht und Christoph Koch aus lauter Verzweiflung eine Zen-Meisterin besucht. Nachdem “Allerreichbarkeit” kein Statussymbol mehr ist, wird “das gelegentliche Abschalten zum Herrschaftsprivileg” findet Wieland Freund und streift zur Conclusio die Soziologen Hartmut Rosa (dessen Buch “Beschleunigung” schon früh den “Effizienzdruck” beschrieb) und Niklas Luhmann (der meist das “System” dahinter bemühte), um auf Douglas Adams “Restaurant am Ende des Universums” zu kommen: “Was nach unserem 30. Geburtstag erfunden wird, ist gegen die natürliche Ordnung der Dinge” – bis wir uns nach etwa zehn Jahren damit anzufreunden begännen. Nicht erst nach zehn Jahren haben sich denn auch die Buchautoren – schon aufs Berufszwängen – längst wieder mit dem Online-Leben angefreundet.

WamS, 18.07.2010, Titel: Leben ohne Internet

Um auch noch zu Matthias Wulffs Beitrag in der Welt am Sonntag zu kommen: Er spricht von “Generationenschriften” der Buchautoren, die als “letzte” auch das analoge Zeitalter noch erlebt hätten. Auch er lobt ausdrücklich Rühles Buch, letztlich “fortschrittsfreundlich” sei seine “zweigfelnde, selbstironisch, ständig abwägende Grundhaltung” angenehm. Besonders interessant die Reaktionen der Außenstehenden, Kollegen mit mildem Spott, eine (immerhin!) bewundernde Leserin, seine Frau, die nach der Lektüre der ersten Seiten gesteht: “Ich hatte keine Ahnung, dass du dermaßen ein Rad ab hast!”

Die Mär vom Multitasking

Dienstag, 29. Juni 2010

Der Legende nach soll schon Cäsar ein hervorragender Multitakser gewesen sein, der neben dem Fernsehen telefonieren konnte und parallel dazu Befehle an seine Truppen gab. Aber diese Legende kann ja gar nicht stimmen – angeblich sind doch nur Frauen multitaskingfähig! Doch dann musste ich am Wochenende im Kölner Stadt-Anzeiger lesen:

Kölner Stadt-Anzeiger, 26.06.10, Titel: Frauen sind keine besseren Multitasker

Einer Studie des Instituts für Arbeit und Gesundheit der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung zufolge können Frauen mehrere Aufgaben gleichzeitig auch nicht besser handhaben als Männer. Jüngere sind dabei auch nicht besser als Ältere, hieß es weiter. Das einzige, für alle Gruppen übereinstimmende Ergebnis war, dass sich der psychische Druck auf die Studienteilnehmer erhöhte, der Herzschlag scih beschleunigte, sie angespannter waren und sie insgesamt die Aufgaben schlechter bewältigten. Das führt mich unmittelbar zu einem anderen Artikel des vergangenen Wochenendes von Wieland Freund aus der Welt:

Die Welt, 26.06.10, Titel: Entschleunigt die Philosophen

Der Autor geht in seinem Kommentar bereits davon aus, dass die Vorstellung, Frauen seine multitaskingfähiger (so 80% der Befragten einer Intel-Studie im Jahr 2003), überholt ist. Über Frank Schirrmachers Slogan “Multitasking ist Körperverletzung” (der sich mit der oben zitierten Studie deckt) gelangt Wieland Freund zu Rüdiger Safranski, der im Rahmen der ”Salzburger Vorlesungen” eine “Rückgewinnung der Zeitsouveränität” propagierte. Biorhythmen passten sich an “die Maschinenzeit” an.

Gegenüber bestehenden Forderungen zur Entschleunigung in Bereichen wie “Slow Food“, “Slow Media” oder “Slow Fiction” sprach Safranski hierbei von “Slow Money”. Gemeint ist damit eine Entschleunigung des Finanzmarktes, der unter Zeitdruck (”Zeit ist Geld”) schnelle Entscheidungen trifft, während die Politik einerseits demokratische Abläufe zu beachten hat, andererseits aber zum Opfer der Echtzeit-Kommunikation auf allen Kanälen wird. Während früher die allermeisten Ereignisse außerhalb des eigenen Wirkkreises in der Vergangenheitsform erlebt wurden und nur durch das Wort transportiert wurden, sind wir heute durch eine Bilderflut und Erlebnisdichte in Echtzeit überfordert.

Wieland Freund schließt mit der geistreichen Sentenz, dass die Politik – die zunehmend auf das Erlebnis im Futur setze – nicht zuletzt deshalb langsam sei, “weil sie ständig vorauseilt”. Die Frage ist nun, hat der Schlagzeilen-Redakteur des Welt-Feuilletons etwas daneben gegriffen oder trifft eine “Entschleunigung der Philosophen” tatsächlich den Kern des diskutierten Problems? Die Politik kann nicht das Tempo der Finanz- und Wirtschaftswelt annehmen. Vermutlich sollte die auf Produktivität getrimmte Gesellschaft auch aus Gründen des Umweltschutzes dringend ihren Leistungsanspruch zurückschrauben.

Rüdiger Safranski zitiert Wilhelm Humboldt, der als einer der ersten das Ideal einer liberalen Gesellschaft paradox formulierte: “Die ganze Gesellschaft ist dazu da, dass die Einzelnen eine Lust verspüren ein Ich zu sein.” Das Ich definiert sich aber mitnichten nur durch Arbeit. Insofern ist eher eine Entschleunigung der Ökonomie gefordert, oder wie es im Text heißt: “Entschleunigt die Banken!” Glechzeitig stellt Rüdiger Safranski klar, dass die Politik nicht auf der Höhe der Zeit ist, weil sie nicht begreift, dass die Ökonomie – nach ihrer Rettung durch die Politik – bereits von der Gnade der Politik abhängig ist.

Wahlverwandtschaften im Wandel

Freitag, 25. Juni 2010

Erst tags zuvor gab die Stiftung für Zukunftsfragen eine Pressemitteilung heraus, wonach ein Einstellungswandel in Deutschland um sich greife: “Freunde werden zur Wahlfamilie“. Prompt ist nun in der “Welt” zu lesen:

Die Welt, 25.06.10, Titel: Freunde ersetzen immer mehr die Familie

Wolfgang Opaschowski arbeitet als wissenschaftlicher Leiter der Stiftung des British American Tobacco Freizeit-Forschungsinstituts und bei seiner Arbeit kommen doch immer wieder interessante Details ans Tageslicht, etwa wieviel Prozent der Deutschen Freunde zur “unverzichtbaren persönlichen Lebensqualität” zählen (aktuell mehr als 90%, vor acht Jahren nur mehr als 80%). Der kausale Zusammenhang mit dem demographischen Wandel, dass mehr und mehr Menschen als Singles alt werden, liegt nahe. Schön, dass auch betont wurde, virtuelle Freundschaften (etwa wie auf Facebook) könnten echte nicht ersetzen.

Im Orginaltext (siehe den Link oben) steht sogar: “Wahlverwandtschaften und Wahlfamilien erfahren eine Renaissance.” Damit orientieren wir uns och gerne einmal mehr zum Klassiker der deutschen Literatur zurück, Goethes Wahlverwandtschaften, dem “ersten deutschen Problemroman der deutschen Literatur” (laut verlinktem Text). Das behandelte Problem besteht in geänderter Form noch immer. So viel scheint sich in der Einstellung da doch nicht zu wandeln. Die demographischen Bedingungen allerdings wandeln sich in der Tat. Na dann, bleibt nur mit Reinhard Mey zu sagen: “Gute Nacht, Freunde”!

„CSR nicht primär, um das Image zu stärken“

Donnerstag, 10. Juni 2010

Auf Einladung der IHK Bonn/Rhein-Sieg und der Unternehmenskommunikation Bonne Nouvelle fand im Bonner Post-Tower ein „CSR Frühstück“ bei der Deutschen Post DHL statt. Nach zwei Grußworten des IHK-Pressesprechers Michael Pieck („Ich kann das Krisengejammer nicht mehr hören!“) und der Bonne Nouvelle-Geschäftsführerin Simone Stein-Lücke („Das Thema erfordert viel Austausch und Resonanz.“) erläuterte Katharina Tomoff als Abteilungsleiterin „Go Green“ die unternehmerische Verantwortung bei Deutsche Post DHL.

Deutsche Post DHL, Grafik zu "Living Responsibility"

Das Interesse an der in diesem Jahr gestarteten CSR-Veranstaltung ist nach Angaben von Michael Pieck so groß, dass er bereits ankündigte, die Reihe auch 2011 fortzusetzen. Simone Stein-Lücke wies auf die fehlende Professionalität hin, die bei einer überwiegen­den Mehrheit deutscher Unternehmen in Hinblick auf dieses Thema herrscht. Ihren Angaben von zufolge finden zwar 63 % der befragten Unternehmen in Deutschland das Thema „Corporate Social Responsibility“ wichtig, 51 % der Befragten nennen auf die Frage nach dem Warum Soziale Gründe. Allerdings tummelten sich nur 35 % gelegentlich auf diesem Feld. Zwei Drittel aller Unternehmen hätten keine strategische CSR-Ausrichtung, kein CSR-Budget und keine CSR-Kommunikation.

Ganz anders bei der Deutschen Post DHL. Mit rund einer halben Million Mitarbeiter be­zeichnet sich der Konzern als einer der größten Arbeitgeber weltweit und daher erkenne er als ein „Hauptakteur im Welthandel“ seine Verantwortung. „Living Responsibility“ heißt die Abteilung innerhalb des strategischen Geschäftsbereichs „Politik und Unternehmens­verantwortung“, innerhalb der drei Säulen aufgebaut werden: „Go Green“ für Umwelt­schutz,  „Go Help“ für Katastrophenmanagement und „Go Teach“ für Bildung und Ausbildung. In der strategischen Steuerung arbeiten etwa 20 Mitarbeiter in der Bonner Konzernzentrale; alle drei Bereiche ordnen sich dabei der Vision „Unlocking our Potential – Strategy 2015“ unter.

Katharina Tomoff, die selbst bei Go Green arbeitet, stellte für diesen Bereich die messbaren Ziele vor: Reduktion der CO2-Emissionen um 10% bis 2012 und um 30% bis 2020, im Vergleich zu 2007. Die CO2-Angaben werden dabei nicht als absolute Werte behandelt, sondern in Bezug auf Tonnen Fracht bzw. Quadratmeter Gebäudefläche. Dazu wird unter anderem ein Teil der Flotte auf Hybrid-Fahrzeuge umgestellt. Im Bereich Go Help werden weltweit drei Katastropheneinsatzteams kostenlos eingesetzt, die innerhalb von 72 Stunden an jedem Ort der Welt sind, zudem werden Flughäfen für die Hilfsgüter­verteilung im Falle einer Katastrophe vorbereitet (GARD-Programm: „Get Airports Ready for Desaster“). Bei Go Teach schließlich geht es um die Ansätze, den Zugang zur Bildung zu verbessern, ihre Qualität zu erhöhen sowie die Kinder eigener Mitarbeiter zu fördern.

Ihrem Leitbild folgend „DIE Post für Deutschland zu bleiben“ und „DAS Logistikunter­nehmen für die Welt zu werden“ geht die Deutsche Post das Thema CSR mit klaren Handlungsaufträgen an. Die Menschen sollen erfolgreicher werden, bei einem respektvollen Umgang miteinander, die Dinge sollen vereinfacht und kurz die Welt lebenswerter werden. Dazu bedient sich der Konzern a) seines globalen Netzwerkes, b) seiner Kernkompetenzen (vor allem im Bereich Go Help) und c) des sozialen Einsatzes aller Mitarbeiter. Entsprechend hoch fielen auch die Werte bei der jährlichen Mitarbeiterbefragung weltweit zum Thema CSR aus.

Die Deutsche Post betreibe CSR nicht primär um das Image zu stärken und auch nicht vordergründig als Marketing-Tool, aber Nachhaltigkeit in allen Belangen würde auch in immer mehr Rankings gefragt. So ist die Deutsche Post auch im Dow Jones Nachhaltig­keitsindex gelistet und hat für Ihre Bemühungen den Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2009 erhalten. Auf der Homepage werden für die CSR-Aktivitäten jedoch folgende Begründungen angegeben: „Die Motivation und Identifikation unserer Mitarbeiter mit dem Unternehmen fördern, zu einer verbesserten Wahrnehmung und Anerkennung unseres Konzerns beitragen und unsere Wettbewerbsfähigkeit stärken.“ Allerdings wurde deutlich, dass die Deutsche Post – etwa im ungeliebten Vergleich zur Telekom – weit weniger über CSR-Themen kommuniziert: „Wir konzentrieren uns auf das Tun“.

“Prosumenten” und Protest-Liker

Donnerstag, 27. Mai 2010

Zwei Quellen beschreiben jüngst unterschiedliche Auswirkungen Sozialer Netzwerke auf die Politik von Unternehmen: Im Handelsblatt wird die Macht fotografierender Modeblogger beschrieben, in der Fachzeitung FNG Magazin (für Food, Nonfood und Getränke) behandelt ein Beitrag die teilweise schon ausgeübte Macht der Schwarmintelligenz.

Handelsblatt, 25.05.2010, Titel: Mitmachmarken erobern das Warenregal

Fashion-Blogger wie Scott Schuman und Yvan Rodic sorgten für eine “Demokratisierung der Mode”, heißt es da, darüber hinaus würde unter Marketingspezialisten bereits allgemein immer seltener vom Konsumenten gesprochen, sondern vielmehr vom “Prosumenten” als Kurzform proaktiver Konsumenten. Demnach richteten sich schon einige große Modekonzerne nach Blogs, um zu erfahren, “wie der Verbraucher tickt, was er will und was ihm gefällt”. Als weiteres Beispiel wird die interaktive Heimwerkerseite von Bosch genannt, mit der neue Trends aufgespürt werden sollen. Die gute Nachricht: Die Bedürfnisse der Konsumenten werden ernst genommen. Die schlechte: Sie liefern den Konzernen oft nicht nur Geschäftsideen, sondern ihre Daten frei Haus dazu.

fng Magazin, 2-2010, Titel: Wie interaktive Netzwerke Macht über Unternehmen gewinnen

Der Einfluss von Internet-Netzwerkern auf große Unternehmen wird im Beitrag des fng Magazins am Beispiel von Nestlé verdeutlicht. Da der Konzern in seinem Schokoriegel Kitkat Palmöl verwendet, für dessen Gewinnung Regenwald in Indonesien abgeholzt wird, hat Greenpeace in Anlehnung an den Werbespot ein erschreckendes Video gedreht, das vor allem über Facebook mehr als eine halbe Million mal angeklickt wurde. Obwohl Nestlé mittlerweile mitteilte, dass der Vertrag mit dem entsprechenden Öllieferanten aufgelöst sei, bleibt ein Imageschaden und Vertrauensverlust.

Der Beitrag stellt klar, dass die Mund-zu-Mund-Propaganda wie eh und je laufe, nur eben in einem viel schnelleren Tempo. Gelebte ethische und soziale Werte, heißt es weiter, würden in Zukunft noch weit stärker als bisher den Erfolg eines Produkts mitbestimmen. Virale Kampagnen sind dazu geeignet, Vorzüge oder Nachteile der Allgemeinheit mehr oder weniger drastisch vor Augen zu führen. Der geneigte Facebook-Nutzer muss dem Protest-Inhalt dann nur noch seine Zustimmung erteilen, indem er den “Like-Button” klickt. Allerdings ist dazu vorher ein engagierter “Prosument” nötig, ein Blogger, Journalist oder eben eine Institution wie Greenpeace, die mit den entsprechenden Mitteln auf positive oder meist negative Eigenschaften von Produkten aufmerksam macht.

Die ipad-Mania grassiert

Mittwoch, 26. Mai 2010

Gewohnt einfallsreich betitelt der Spiegel in seiner Ausgabe dieser Woche (KW 21-10) eine Geschichte über die Markteinführung von Apples neuestem Wundergerät in Deutschland:

Spiegel, 25.05.2010, Titel: Ein iPad für ein Halleluja

Der Bezug ist ein Auftritt des Axel-Springer-Chefs Matthias Döpfner in der US-Talkshow “Charlie Rose”, bei dem er gebetsmühlenartig die Vorzüge des Tablet-PCs gepriesen haben muss. Mittels des neuen Geräts soll die Zahlungsbereitschaft der Zeitungsleser erprobt werden – während es gemäß Notiz in der heutigen FAZ Rupert Murdoch in Großbritannien aktuell bereits mit der “Times” und der “Sunday Times” im Internet versucht. Nach etwa vier Wochen kostenfreier Nutzung nach Anmeldung soll der Zugriff dann ein Pfund pro Tag oder zwei Pfund pro Woche kosten.

FAZ, 26.05.2010, Titel: Alles oder nichts

Die Auswirkungen des iPad auf den Journalismus werden im Spiegel als nicht absehbar beschrieben. Allerdings übe sich die Branche noch in Vorsicht, schreiben Markus Brauck, Martin U. Müller und Thomas Schulz, wenngleich sie “riesige Hoffnungen an das Ding” knüpfe. Denn selbstverständlich müssen Zeitungs- oder Magazin-Apps ansprechend und mit einem gewissen Mehrwert gegenüber den Printausgaben ausgestattet sein. Dies sei den US-Titeln (Wall Street Journal, New York Times, USA Today, GQ und Vanity Fair) bislang nicht gelungen.

Die “visuelle Art des Erzählens” (Zitat Zeitungs- und Online-Designer Lukas Kircher) habe sich hingegen der zu Disney gehörende Marvel-Verlag zu eigen gemacht, dessen Comics sich auf dem iPad besser lesen ließen als auf Papier. Problematisiert wird neuerlich die stellenweise an Zensur grenzende Kontrolle des Apple-Konzerns, der nicht nur die Geräte herstellt, sondern auch die Inhalte vertreibt. Einen weiteren Aspekt hebt Markus Scheele Anfang der Woche in der Welt hervor:

Die Welt, 25.05.2010, Titel: iPad hilft E-Books auf die Sprünge

Dort heißt es, neben der Zeitungsverlags- könnte auch die Buchverlagsbranche von der Einführung des Lifestyle-Geräts profitieren, was den Absatz elektronischer Bücher in Deutschland anbetrifft. Auch hierbei wird Apple kpnftig in seinem iBookstore eigene Titel anbieten. Interessant hierbei, dass es in Deutschland bereits zahlreiche weitere Anbeiter gibt (Libri, Clando, Buch.de, Libreka!, Beam, Thalia.de, Digital-Lesen, Springer Science, Business Media oder der Campus-Verlag),  diese vertreiben derzeit aber zu sehr stark variierenden Preisen verschiedene Formate wie ePub, Mobipocket, PBD oder PDF.

Eine zusätzliche Herausforderung im internationalen Vergleich stellt die Buchpreisbindung in Deutschland dar: Ich muss für das PDF online genausoviel zahlen wie für das Hardcover im Laden. Die Wahl des Lesegeräts will also wohl überlegt sein. Neben der Auswahl der Titel (nach Welt-Angaben zwischen 145.000 bei Libri und 6.500 bei Digital-Lesen) spielt zum einen das richtige Dateiformat eine Rolle, das möglichst auch noch in einigen Jahren aktuell sein sollte, zum anderen auch die Frage, ob das Gerät einen leuchtenden oder einen schwarz-weißen Hintergrund haben soll (sodass ein Buch auch noch bei Sonne am Strand zu lesen ist).

Berechtigt sicherlich der Hinweis, dass digitale Bücher aufgrund der möglichen Suchfunktion nach Stichwörtern eine besonders gute Chance bei der wissenschaftlichen Arbeit haben. Der Springer Science-Verlag macht nach eigenen Angaben bereits ein Fünftel seines Buchumsatzes mit E-Books. Google hat ebenfalls den Einstieg in den Markt mit digitalen Büchern angekündigt. Am Freitag wird sich zeigen, wie hoch sich die Welle der iPad-Euphorie in Deutschland aufbauschen wird. Multifunktions-Alternativen an Tablet-PCs werden nicht allzu lange auf sich warten lassen.

Die Debatte um Journalismus geht weiter

Donnerstag, 20. Mai 2010

Der Kölner Stadt-Anzeiger hat zur Debatte über die Zukunft des Journalismus aufgerufen, wenigstens sechs Personen haben sich bereits daran beteiligt: zuerst die Bloggerin Lena Reinhard, danach der Medienwissenschaftler Norbert Bolz, dann gestern der Vorstand der Kölner Mediengruppe M. DuMont Schauberg, Konstantin Neven DuMont (thematisch eher am Rande), und heute schließlich Dr. Hermann J. Roth aus Bonn und Erich-Günter Kerschke aus Köln (beide noch nicht online). Moment, das sind erst fünf! Achja, ich selbst habe auch einen Beitrag an die Redaktion gesandt, der (noch) nicht berücksichtigt wurde. Zweimal schrieb ich schon etwas zum Thema und ich beschäftige mich weiter damit…

Kölner Stadt-Anzeiger, 20.05.2010, Titel: Frei sein und frech bleiben

Hermann J. Roth beklagt den Niedergang der medialen Meinungsvielfalt, ablesbar auch an den vergleichbaren Schlagzeilen allerorten. “Kennst Du eine, kennst Du alle!”, möchte ich sein Statement bezogen auf Zeitschriften zusammenfassen.Vor diesem Hintergrund freut er sich besonders über den Zwischenruf Lena Reinhards, die einerseits individualisierte Zeitungen, andererseits mehr Herzblut im Journalismus fordert. Erich-Günter Kerschke dagegen geht einen Schritt weiter und fordert Journalisten dazu auf, “Gemeinsinn zu stiften” anstatt sich zu “Komplizen von Erzeugern konfektionierter Meinungen und Haltungen” zu machen. Als Aufgaben des Journalismus skizziert er “Wege aus der Sackgasse” zu finden (auch in Anbetracht von politischer Ideenlosigkeit und Politikverdrossenheit). Zustimmung: Dem in Beziehung Setzen und Bewerten von Sachverhalten kommt eine wichtige Rolle zu.

Kölner Stadt-Anzeiger, 19.05.2010, Titel: Die Medienlandschaft gerät aus den Fugen

Der Beitrag des Verlegers vom Vortag erscheint dagegen reichlich ungeeignet, um Stichhaltiges zur Debatte beizutragen. Dass sich die Medienlandschaft verändert und konsolidiert, ist bekannt. Der Zusammenhang zwischen schlechter Wahlbeteiligung und dem Internet dagegen ebenso aus der Luft gegriffen wie der zwischen Demokratisierung und dem Internet. Joachim Losehand kommentiert auf der Internetseite treffend: “Schlapper Alarmismus gepaart mit lustlosem Stochern im Nebulösem. Intellektuelle Durchdringungsschärfe liest sich anders.”

FAZ, 20.05.2010, Titel: Multimillionenfrage 

Ein “Aus-den-Fugen-Geraten” der Medienlandschaft kann ich nicht erkennen, der Titel online “die Medienlandschaft wird umgepflügt” trifft den Kern schon besser. Aus den Fugen geraten eher die bisherigen Geschäftsmodelle, womit wir wieder beim Thema wären. Hierzu klingt der Satz “Viele Verleger sind gezwungen, Redaktionsetats den sinkenden Erlösen anzupassen.” wie eine Rechtfertigung des Verlegers Neven DuMont. In der FAZ ist heute dagegen von Arthur Sulzberger jr., dem Verleger der New York Times zu lesen, der bei einem Vortrag in Frankfurt am Main Schlagworte wie “Courage, Innovationsfreude, Meinungsführerschaft” bemühte und für eine multimedial stärkere Einbindung der Leser plädierte. Übrigens bekräftigte er ein weiteres Mal, dass es die Inhalte der New York Times nicht kostenlos gebe und beschrieb ein abgestuftes Bezahlsystem.

Google möchte sich durch Journalismus retten…

Montag, 17. Mai 2010

…das jedenfalls behauptet indirekt der im heutigen FAZ-Artikel zitierte James Fallows im Monatsmagazin „The Atlantic“. Gemäß dem Blick in amerikanische Zeitschriften von Jordan Mejias stützt sich der US-Autor dabei auf Aussagen des Google-Chefs Eric Schmidt, wonach der Konzern „aus kommerziellen wie staatsbürgerlichen Gründen“ den Journalismus wiederbeleben wolle.

FAZ, 17.05.2010, Titel: Rosig ist die Zukunft und papierfrei

Der zu Grunde liegende Gedanke ist richtig: Nur hochwertige Inhalte lohnen sich angeklickt zu werden. Auf Initiative von Google werde derzeit zusammen mit Vertretern von Zeitungsverlagen nach einem Weg aus der gegenwärtigen Krise gesucht. Zwar halte James Fallows den Vorstoß nicht für leicht zu verwirklichen, aber dennoch für hoffnungsvoll. Das Geschäftsmodell für die Übermittlung professioneller Nachrichten (gegenüber dem viel gescholtenen Bürgerjournalismus) gelte es neu zu erfinden. Dabei geht es offenbar vorrangig um die Frage, wie die künftig kostenpflichtigen Inhalte gegenüber den kostenlosen Lockangeboten abgetrennt und dennoch einfach zugänglich gemacht werden können.

 Als Ursachen werden zur Überraschung des US-Autors laut Google nicht Versäumnisse der Verleger genannt, sondern „das historisch beispiellose Spiel technologischer Kräfte“. Dennoch verhält es sich so, dass mit Ausnahme der „New York Times“ und des „Wall Street Journal“ bei allen anderen US-Tageszeitungen die Kosten für Druck, Papier und Transport diejenigen für die Redaktion deutlich übersteigen. Das Internetangebot der Zeitungsverlage könnte sowohl durch Werbung als auch durch Online-Abonnements den Ertrag der Häuser erhöhen. Hierbei spielt auch wieder die Verfügbarkeit der News für alle Endgeräte (Smartphones, Tablet PCs, E-Reader) eine wesentliche Rolle.

 FAZ, 17.05.2010, Titel: Blick in amerikanische Zeitschriften

Offiziell klingen die Maßgaben hochgestochen: „Distribution, Engagement, Monetarisierung“ (durch packendere Stories mehr Leute erreichen). Allerdings läge die Lösung oft eher in einem Detail. So hätten zum Beispiel die „New York Times“ und die „Washington Post“, Artikel, Videos und Leserkommentare zu Themen als „Living Stories“ gebündelt, die vor allem auch für Suchmaschinen attraktiver seien. Zudem sei ein Projekt „Fast Flip“ gestartet worden, mit dem der Leser durch verschiedene Seiten wie durch ein Magazin blättern könne. Daneben schlägt Google zu einer idealen Platzausnutzung von Werbeflächen ein „Yield Management“ wie bei Fluglinien vor.

 Durch solche Details – weniger aber durch eine klare Geschäftsausrichtung auf den Qualitätsjournalismus – erwartet Google rosige Zeiten für das Nachrichtengeschäft. In der Zukunft würden sich neben den bestehenden, durchaus überlebensfähigen Verlagen neue und ganz anders ausgerichtete Häuser etablieren. Jordan Mejias stellt abschließend fest, dass die konkrete Aussicht für das nächste Jahr schon sehr viel schwieriger sei. Alles wischi-waschi also? Nicht ganz. Jedoch sollte sich das Unternehmen Google nicht überschätzen mit seinen Kompetenzen hinsichtlich der Zukunft der Zeitungen (natürlich kann es diese auch aufkaufen). Die meisten der Überlegungen haben zwar mit interessanten Modellen für das Internetgeschäft, mit Journalismus aber nur entfernt zu tun.

Wochenend-Presseschau 19-10

Montag, 17. Mai 2010

Das Medienmagazin „Töne, Texte, Bilder“ auf WDR5 hat am vergangenen Samstag nicht nur die Meldung des Bundesverbandes Deutscher Zeitungsverleger (BDZV) wiedergegeben, dass es deutschen Verlagshäusern besser geht als denen in Amerika (Texthilfe berichtete), sondern in diesem Zusammenhang auch sehr interessante Beispiele aufgegriffen.

Screenshot von wdr5.de: "Töne, Texte, Bilder" vom 15.05.2010

So wurde zum einen eine gesunde Ein-Mann-Zeitung aus dem Süden der USA mit mehr als 150 Jahren Tradition vorgestellt, zum anderen die individualisierte Tageszeitung “niiu” aus Berlin, mit der Wanja Oberhof und Hendrik Tiedemann linksliberale Leser unter 30 Jahren erreichen. Selbst das “Time Magazine” aus New York hatte sich für den Start des Dienstes im vergangenen November interessiert. Auch der BDZV verfolge das Projekt mit „wohlwollendem Interesse“, heißt es in dem Beitrag von Michael Mayer. 1,80 Euro kostet das niiu-Abo täglich, für Studenten nur 1,20 Euro. Mit etwa 5.000 Abonnenten sei die Schwelle der Wirtschaftlichkeit erreicht, heißt es weiter, unter anderem sind Inhalte aus den Verlagen Axel-Springer (Bild), Holtzbrinck (Handelsblatt) und DuMont-Schauberg (Frankfurter Rundschau), aber auch der taz und der Münchner Abendzeitung zusammenzumixen. 

Außerdem in der Sendung in der Rubrik “Update” die Erklärung von Jörg Schieb für die Internetstörungen in der vergangenen Woche. Nur, weil ein einziger Server streikte, der als “Telefonbuch des deutschen Internets” gilt, ging auf vielen Seiten nichts mehr. Die Schlussfolgerung: ein Sicherheitsnetz für das deutsche Internetverzeichnis fehlt, ein so genanntes “Failover”, oder laut Jörg Schieb „eine Art Notstromaggregat für Computerpannen“.

Die Welt, 14.05.2010, Titel: Microsoft, Google und Apple jagen sich die Kunden ab

Ein anderes Thema, das mich in dieser Woche noch weiter beschäftigen wird, ist der Konkurrenzkampf zwischen Microsoft und Google hinsichtlich ihrer Software-Pakete und zwischen Google und Apple bezogen auf die Hardware-Produkte. Alle drei Unternehmen spüren dadurch jedenfalls so etwas wie Konkurrenz, ist dem Artikel in der Welt zu entnehmen. Der Machtkampf um die Bürosoftware-Pakete, die Google seit längerem kostenlos im Netz anbietet, führt nun auch Microsoft dazu, per “Cloud Computing” die Dienste komplett online anzubieten. Google seinerseits greift aktuell Apple an, indem der Konzern zusammen mit dem US-Netzbetreiber Verizon Wireless einen eigenen (sicherlich reichlich verspielten) Tablet-PC entwickelt, auf Basis des bereits in den Google-Handys eingesetzten mobilen Betriebssystems Android.

Die Welt, 14.05.2010, Titel: Warum eine amerikanische Psychatrie-Professorin die deutschen Männer für ein Erfolgsmodell hält

Zuletzt nur kurz erwähnt der außergewöhnliche Titel für den gewöhnlichen Beitrag zu einer Buch-Neuerscheinung in der Welt zu “Das männliche Gehirn” von Louann Brizendine. Die Welt am Sonntag fragt vergleichsweise einfacher: “Müssen Männer so sein?“. Der Unterschied besteht auch darin, dass der erst genannte Beitrag von einem Mann stammt, die Fragen in der WamS dagegen von Frauen. Nach dem Bucherfolg “Das weibliche Gehirn” aus dem Jahr 2007 wird auch dieses Buch sicherlich seine Leserinnen und Leser finden. Das “Erfolgsmodell” des deutschen Mannes bezieht sich übrigens weniger auf eine Leistung der Männer selbst, sondern auf die Möglichkeit, in Deutschland 14 Monate Elternzeit zu nehmen, um dabei möglichst gut mit seinen Kindern zu kommunizieren (aber nur so lange, bis die Mutter dazukommt)…

Vom Vorteil erzwungener Aufmerksamkeit

Mittwoch, 12. Mai 2010

Die Diskussion geht weiter: Nachdem der Kölner Stadt-Anzeiger mit einem Gastbeitrag der Bloggerin Lena Reinhard die Debatte um Online-Journalismus entfacht hatte (Texthilfe berichtete), meldet sich nun der Medienwissenschaftler am Institut für Sprache und Kommunikation an der TU Berlin, Norbert Bolz zu Wort. Sein Beitrag trägt den monumentalen Titel:

Kölner Stadt-Anzeiger, 11.05.2010, Titel: Orientierung in der Sintflut des Sinns

Grundaussagen des Medienwissenschaftlers: “Ein berühmter Journalist ist eine intellektuelle Marke, an der man sich in der Sintflut des Sinns orientieren kann.”, “Freie Presse ist immer schon als kostenlose Information über die Welt verstanden worden.” und “Wir haben kein Informationsproblem, sondern ein Orientierungsproblem.” In Bezug auf die Kernidee der Bloggerin Lena Reinhard, sich eine eigene Zeitung zu konfigurieren, gibt er zu bedenken, dass dies einerseits eine klare Orientierung voraussetzt, die oft nicht gegeben ist, und andererseits dem Leser die “Erfahrung des Neuen” oft vorenthält, weil er sich dadurch “in einen Informationskokon einspinnt”.

Schließlich weist er als Vorteil der nicht interaktiven Massenmedien aus, Aufmerksamkeit zu erzwingen. Diesen Effekt könnten interaktive Medien niemals erreichen. Warum aber ein Blog, der 50.000 mal besucht wird, zum Massenmedium umschlägt und dann kein Blog mehr ist, leuchtet mir nicht ein. Anders gefragt: Warum sollen sich die Begriffe Blog und Massenmedium gegenseitig ausschließen? Dass sie das faktisch meist tun, steht außer Frage. Aber ich kann nicht erkennen, was die Interaktivität wie etwa bei Thomas Knüwer, der regelmäßig auf Anregungen seiner zahlreichen Leser eingeht, an der Marke des Journalisten und der möglichen Orientierung ändert (auch wen Thomas Knüwer mittlerweile auf die Beraterseite gewechselt ist).

Dass in jedem Blogger ein Journalist stecke - zugegeben! Dass jedoch jeder Blogger sein Massenmedium suche – angezweifelt! Meines Erachtens nach geht es bei der Orientierung sehr stark um die Special Interest-Kanäle, die sich ausdrücklich zu eingegrenzten Themengebieten äußern. Die Zeitung als Sammelsurium von Meldungen nach den bekannten Unterteilungen – Politik, Wirtschaft, Finanzen, Feuilleton, Medien, Menschen – ist in meinen Augen nicht ersetzbar. Nach der jüngsten Studie des BDZV (Bundesverband Deutscher Zeitungsverleger) befinden sich die Zeitungen in Deutschland – jedenfalls im Vergleich zu denen in Amerika – in einer sehr guten Verfassung.

Die Anzahl der Titel ist hierzulande mit aktuell 351 weitaus konstanter (minus vier seit 1999, gegenüber minus 80 seit 1998 in den USA), die Reichweiten sind nach wie vor hoch. Auch sei die Abhängigkeit vom Werbemarkt in Deutschland weitaus geringer. An der schlechten Bezahlsituation von Journalisten und dem Buy-Out von Rechten für zusätzliche Online-Veröffentlichungen ändert dies jedoch nichts. Diesem Umstand sollte erzwungenermaßen die Aufmerksamkeit gelten! Daraus ergäben sich interessante Schlussfolgerungen für den Online-Auftritt von Zeitungen. Vielleicht sollte ich mich mit einem eigenen Beitrag an der Debatte beteiligen!